Die Ufa wird 100

 

Die „Ufa“ (vollständig: „Universum Film AG“) wird am 18. Dezember 2017 hundert Jahre alt.

Ufa – diese 3 Buchstaben stehen einerseits für Filmklassiker wie Fritz Langs „Metropolis“, Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ oder „Die Drei von der Tankstelle“ (Regie: Wilhelm Thiele).

Andererseits produzierte die „Ufa“ tiefbraune NS-Propaganda-Machwerke  wie Leni Riefenstahls äs­the­ti­sie­rende Herrenmenschen-Verklärung „Triumph des Willens“ oder Veit Harlans üble antisemitische Film-Tirade „Jud Süß“.

Hier finden Sie weitere Informationen über die „Ufa – Universum Film AG“ und einen Ausstellungs-Tipp! [bitte anklicken!]

Oins – Feifafuffzge

Carl brummte der Schädel: „Anstrengend, den ganzen Tag lang Zahlen zu wälzen“

Cochrane hatte gut reden: „Seien Sie kein Lohnsklave! Wenn Sie irgendetwas in dieser Welt erreichen wollen, tun Sie es es, bevor sie 40 sind!“

Es gab so viele gute Argumente für und wider.

Und ein großes Fragezeichen: würden die 3.000 Dollar ausreichen, um wenigstens ein kleines Krümelchen von Mr. Woolworth Kuchen stibitzen zu können.

„Endlich frische Luft“, dachte Carl, als er spätabends Cochranes Werbeagentur verließ.

Statt direkt ins Hotel zu gehen, ließ sich der Mann, welcher zum perfekt sitzenden Anzug einen, nicht nur größenmäßig passenden Hut gewählt hatte, durch das nächtliche Chicago treiben, bog – ohne erklären zu können, warum – einmal in diese, dann in jene Straße ein.

A Giant in Front of Chicago’s Skyline, in the early 20th Century

Es dauerte eine Weile, bis Carl sich den Grund seines ziellosen Flanierens eingestand: es galt Zeit zu gewinnen, um die finale Entscheidung  über seine berufliche  Zukunft möglichst lange hinauszuzögern, auf dass sich vielleicht doch noch ein neues, ausschlaggebendes Argument für diese oder eben für jene Option einstellen würde: „Das ist Deine letzte Chance!“

Bald wusste der Unentschlossene nicht mehr, wo genau er sich befand. Nur eines war dem Mann,  an dem nur seine geringe Körpergröße auffiel, klar:

„Back to Oshkosh? – No way!“

„Soll der alte Stern seinen Scheiß doch allein machen!“, schimpfte Carl.

Erschrocken über seine eigene Tirade, blickte er sich um: „Eigenartig, kein Mensch weit und breit.“

So hörte wohl nur der kalte Herbstwind anno 1906, wie sich unser Protagonist – zuweilen laut aufschreiend wie ein verletztes Tier –  mit Frust belegter Stimme fragte:

„Wo stünde die Continental Clothing heutzutage denn ohne mich?“

„Wer führte die riesigen Schaufenster ein, an welchen die Oshkosher ihre Goschen derart naseweis plattdrückten, als könnten sie hinter dem Glas einen Blick direkt ins Paradies erhaschen?

„Wie hieß noch mal der Kerl, welcher die Bestellung per Katalog und Post einführen wollte, um selbst den größten Hinterwäldern – nicht nur in Wisconsin – all die  schönen Waren der Continental frei Haus liefern zu können?

„War´s nicht zufällig jener, der auch bei der Reklame – im wahrsten Sinne des Wortes – Feder führend war?“

„Der sich ständig neue Verkaufs- und Marketingaktionen ausdachte, damit der Laden brummt, brummt brummt?“

„Warum ging ausgerechnet – ha-ha! – das Lockvogel-Angebot zu Thanksgiving so gründlich in die Hose?“

„Fuck’n turkeys…“ fluchte Carl, dessen Englisch immer noch die Melodik des oberschwäbischen Dialekts färbte, mit dem er einst aufgewachsen war; sodann winkelte er seine Arme an und schüttelte sie, einen Vogel imitierend: „… Kapital … kaputt-putt-putt!“

In diesem Augenblick hastete – unter spöttischem Gelächter – eine Gruppe junger Männer vorbei, die Carl imitierend, ihre Arme wie Federvieh auf und ab wedelten, während sie „putt-putt-putt“ krakelten.

Als die Kerle  bereits einige Schritte enteilt waren, drehte sich einer der Burschen noch einmal kurz um und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn , dem Kleingewachsenen einen „Vogel“  hinter her schickend.

Empört blickte Carl diesem Rüpel hinterher, der mit seinen Kumpanen rasch im Dunkel der Nacht entschwand.

Bald passierten Carl weitere Cliquen fröhlich parlierender Erwachsener beiderlei Geschlechts.

Sie schienen einer bestimmten Lokalität in der Milwaukee Avenue zuzustreben.

Wenige Minuten später bemerkte Carl dort eine lange Menschenschlange, die sich, wie er vermutete,  offensichtlich vor einem Theater gebildet hatte.

Carl fragte sich: „Nanu, was für ein Publikumsmagnet wird denn hier aufgeführt?“

Auf der Suche nach der Antwort stellte er sich ans Ende des Menschenauflaufes.

Schnell rückten seine Vordermänner und -frauen in Richtung eines Gebäudes vor, dessen Front von einer Leuchtreklame illuminiert wurde. Mit der Zeit konnte Carl deren verschnörkelte Art-Deco-Lettern als „The Hale Tours“ entziffern.

„The Hale Tours?! Was mag das wohl für ein Etablissement sein?“

Vor und hinter Carl wurde über Gott und die Welt diskutiert, geflirtet und geküsst.

Plötzlich überwältigte Carl ein Gefühl von Einsamkeit.

Eine Empfindung, die ihm seltsam vertraut vorkam.

Ein Deja-vu:  Carl erinnerte sich an seine Ankunft in Amerika, gut 20 Jahren zuvor. Als wolle sich das Land seiner Hoffnung entziehen, verbarg sich der Hafen von New York – das Tor zu einem neuen Leben – am 13. Februar 1884  hinter einer undurchdringlichen Nebelwand.

Grimmig kalt wie die Luft jenes Tages verlief auch der „Empfang“ in Castle Garden: Die Grenzbeamten ließen Carl wie die meisten anderen der gut 500 Mitreisenden, die zwei Wochen zuvor in Bremerhaven auf der „S.S. Neckar“ eingecheckt hatten, spüren, dass Ankömmlinge in der neuen Welt nichts wert waren; dass sie sich erst etwas erarbeiten mussten, wobei dieses Unterfangen –  das galt als einzige Gewissheit  –  bestimmt nicht jedermann gelingen würde.

Solchermaßen desillusioniert, dachte Carl kurz daran, die Rückreise anzutreten. Doch gab es kein Zurück mehr. Selbst einem körperlich viel stärkeren Menschen wäre es nicht gelungen, sich dem Strom der Passagiere, die mit Gewalt ins gelobte Land drängten, entgegen zu stemmen. Bald gab der kleine Mann auf und wurde von der Menschenmasse mitgerissen, die danach gierte, endlich den Boden von Manhattan zu betreten.

Nachdem Carl den Schlagbaum passierte, blieb er minutenlang erschöpft auf der Stelle stehen und beobachtete zunehmend traurig, dass die meisten Einreisenden offenbar von Verwandten oder Freunden erwartet und begrüßt wurden.

Um ihn herum fielen sich die Menschen in die Arme; küssten und drückten sich. Nur der junge Oberschwabe und sein Schulfreund Leo Hirschfeld, der mit im das Abenteuer Auswanderung gewagt hatte, standen ziemlich verloren inmitten all der oft tränen- und wortreichen Willkommens-Szenen.

Wie konnte Carl erwarten, sein Bruder Joseph Baruch, der zwölf Jahre zuvor in die Staaten emigriert war, würde ihn abholen und bei den ersten Schritten ins neue Leben unterstützen? Woher sollte „Joe“ (wie der älteste Sohn von Julius Baruch und Rebekka seine immer seltener eintreffenden Briefe an Eltern und Geschwister zuletzt unterschrieb) denn überhaupt wissen, dass sich auch der zweitjüngste Spross der Familie auf die nicht ungefährliche Reise über den „Großen Teich“ gemacht hatte?

Schließlich war es viele Jahre her, dass Joe ein letztes Schreiben in die alte Heimat gesendet hatte. Seitdem gab es zu ihm keinen Kontakt mehr, was insbesondere die Mutter zunehmend verbitterte. Verzweifelt hätte sie gern von ihrem ältesten Sohn Abschied genommen, von dem niemand wusste, wo er nunmehr in Amerika wohnte, so denn er überhaupt noch lebte.

Während Carl sich in solch trüben Gedanken verlor, bemerkte er nicht, wie die Menschenschlange vor ihm permanent kürzer geworden war.

Plötzlich stand er vor dem Kassenhäuschen. Freundlich grüßte ihn die Dame hinter einem Glasschalter, die bereits ein Billet abgerissen hatte: „Das macht dann bitte 5 Cent, mein Herr!“

Jahre später erinnerte sich Carl: „Das war die wichtigste Investition meines Lebens: dieser Nickel hat mein Leben verändert!“

© Text | Graphik: Ewald Wildtraut, 2017.