Was wurde später eigentlich aus…

… Leo Hirschfeld?

 

Wo es nicht viele Rohstoffe gibt, spielt die Ressource „Geist“ die Schlüsselrolle.

Dieses Prinzip, pragmatisch angewandt auf konkrete Erfordernisse und Probleme, umgesetzt hauptsächlich von kleinen und mittelständischen Unternehmen mit höchsten Ansprüchen an Qualität und Verarbeitung, zeichnet seit Ende des 19. Jahrhunderts (und bis heute) die Wirtschaft in Baden-Württemberg aus.

So er-schaffte (bewusst so geschrieben, E.W.) sich diese Region im Südwesten Deutschlands den Ruf, das „Land der Tüftler und Erfinder“ zu sein, was nicht zuletzt an dem – im Vergleich zu anderen Regionen – überdurchschnittlich hohen Anteil angemeldeter Patente ersichtlich war und ist.

Leo Hirschfeld stammte aus der südöstlichen Ecke des damaligen Königreichs Württemberg, namentlich: aus dem Städtchen Laupheim.

Weite Teile der Gegend, die heute „Oberschwaben“ (siehe nachfolgende Landkarte) genannt wird, standen jahrhundertelang unter der Kuratel der Habsburger, ergo: „Österreicher“.

Karte von Oberschwaben, gezeichnet von © Ewald Wildtraut, 2017

Wohl deshalb bezeichnet der amerikanische Wikipedia-Eintrag zu seiner bedeutendsten Kreation – den „Tootsie Rolls“ – Leo Hirschfeld fälschlicherweise als „an Austrian immigrant to the United States“. (1)

1909 brachte die „Stern & Saalberg Company“, seinerzeit einer der führenden US-Hersteller von Süßigkeiten, die „Chocolate Tootsie Rolls“ auf den Markt.

tootsie roll klein
Die „Tootsie Roll“ im Bonbon-Format, klassischerweise ist sie ein länglicher Riegel (1)

Als Erfinder dieser Schoko-Riegel gilt Leo Hirschfeld – der Schulkamerad und beste Freund von Karl, dem Hauptprotagonisten von „streifenkiste.de“.

In Ihrem Blog „candyprofessor.com“*, auf den sich der folgende Beitrag stützt, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Samira Kawash, dass die „Chocolate Tootsie Rolls“ auch heutzutage noch „einer der Top-Verkaufsschlager bei Süßigkeiten in den Vereinigten Staaten“ sind. (2)

Ein solcher, über ein Jahrhundert lang anhaltender Erfolg hätte sich Leo Hirschfeld wohl in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können, als er am 13. Februar 1884 in New York von Bord der „S.S. Neckar“ ging. Wie sein Kumpel Karl hatte er seinerzeit weniger als 50 Dollar in Tasche und allenfalls vage Pläne für die Zukunft.

Während Karl darauf hoffte, seinen Jahre zuvor in die USA emigrierten Bruder Joseph zu finden, damit dieser ihm beim Start in der neuen Welt behilflich sein könnte, vertraute Leo auf sein, im Elternhaus erworbenes Handwerk im Bereich Konditorei / Confeserie.

Wohl um einen Gründungsmythos zu generieren und die in den „Staaten“ so beliebte vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Saga erzählen zu können, verbreitete „Tootsie Roll Industries“, der – nach mehreren Eigentümerwechseln – aktuelle Hersteller von Leos süßer Schöpfung, auf seinen Webseiten lange folgende Version:

Leo Hirschfeld hätte Jahre nach seiner Einwanderung im New Yorker Stadtteil Brooklyn einen kleinen „Candy-Shop“ eröffnet, wo er – zumeist nach alten Familienrezepten – diverse Süßigkeiten anfertigte und an die Kinder aus der Nachbarschaft verkaufte. In diesem Laden, dessen genaue Adresse ungenannt blieb, hätte Leo 1896 eine „von Hand gemachte und gerollte“ süße Spezialität erfunden. Diese sei bei den „Naschkatzen“ Brooklyns sofort super angekommen. Angesichts der Beliebtheit des Riegels „verschmolz“ ( sic!) Leos Laden ein Jahr später mit „Stern& Saalberg“.

Samira Kawash verwunderte an dieser Version, warum es nach der Fusion noch über ein Jahrzehnt dauerte, bis „Stern und Saalberg“ 1908 den Leckerbissen offiziell und landesweit als „Chocolate Tootsie Rolls“ auf den Markt brachte.

Im Artikel „Tootsie Roll Tragedy: The Real Leo Hirschfeld Story“ ihres Blogs führt sie den Nachweis, dass diese „nette Geschichte“ von „Tootsie Roll Industries“ wohl nicht der Wahrheit entspricht.

Zu den Quellen, die Kawash bei ihrer Argumentation heranzieht, gehört u.a. ein  Artikel, der am 13. April 1913 in „The Pittsburgh Press“ erschien (3)

 

Artikel der „Pittsburgh Post“ vom 13. April 1913

Darin berichtet der Journalist, dass vier einstmals arme Einwanderer, die „Kabinengenossen im Zwischendeck des Dampfschiffs „Neckar“ waren, (…) sich neulich im Hotel Astor in New York City zu einem Wiedersehen“ getroffen hätten.

In der Reportage zu dieser Zusammenkunft findet sich folgende schöne Textpassage, wie man sie mutmaßlich nur in einem amerikanischen Blatt abgedruckt findet:

„Damals hatten sie zusammen keine zweihundert Dollar. Als sie den Grillraum des Astors betraten, hätte man ohne Übertreibung sagen können: ‚Da gehen drei Millionen Dollar! Von diesen vier eingewanderten Jungs ist derzeit keiner weniger als eine halbe Million wert. Zwei sind viel mehr wert.’ (eigene Übersetzung aus dem Englischen, E.W.)

Über Leo Hirschfeld berichtet der Reporter, dass jener es zum „Vizepräsident der Stern-Saalberg Süsswaren / Konfeserie Co.“ gebracht hätte und fragt die Leser nach einem seinerzeit offenbar sehr bekannten und weit verbreiteten Produkt:
„Nehmen auch Sie in bestimmtes rosafarbenes Pulver, um, in dem Sie heißes Wasser darüber gießen, Erdbeergelee zu machen?
Der Vierte hat dieses Pulver erfunden.“

Es handelt sich bei diesem Pulver um „Bromangelon“ – ein rosafarbenes, transparentes Fruchtdessertgelee mit der Konsistenz von Wackelpudding / Götterspeise, das in verschiedenen Geschmacksrichtungen verkauft wurde. (4)

Zeitungsanzeige für Bromangelon aus dem Jahr 1899 (2)

Mit dieser Kreation von Leo Hirschfeld begann der Aufstieg der Firma „Stern & Saalberg“ zum erfolgreichen Hersteller von Süßwaren.

Um 1900 war die Zubereitung von Gebäck und Süßspeisen auf Basis von Gelee „der letzte Schrei“ (eine Auswahl derartiger Rezepte finden sich z.B. hier: https://clickamericana.com/?s=jell-o )

Gelee-Dessertpulver wie Bromangelon  zählten zu  ersten „Convenience“-Lebensmitteln, welche die amerikanische Küche im 20. Jahrhundert verändern sollten. Damit einen Nachtisch zuzubereiten, war, wie Samira Kawash schreibt: „plötzlich nur noch die Sache von etwas heißem Wasser und ein bißchen Fantasie“.

Kehren wir noch einmal zurück zur „The Pittsburgh Press“. In besagtem Artikel heißt es ferner über Leo Hirschfeld:

„Er mochte das Geschäft. Er mochte Süßigkeiten; er liebt es, sie zu essen. Er tut es immer noch. Aus dem gleichen Grund liebt er gute Süßigkeiten. Vor neunundzwanzig Jahren war das ein ziemlich seltener Artikel. Leo Hirschfeld ließ sich von einem ehrgeizigen Ziel inspirieren: der Herstellung einer guten Süßigkeit. Er kämpfte sich nach oben, bis er Superintendent des Stern-Saalberg-Konzerns wurde. Dann erfand er ein bestimmtes Kinder-Konfekt, das seinen Anforderungen an Reinheit, Sauberkeit und Schmackhaftigkeit entsprach, und brachte es auf den Markt.  Siebenhundert Millionen Stück dieser Süßigkeiten wurden in den letzten sechs Jahren (also seit 1907, E.W,) jeweils zu einem Cent verkauft.“

Womit wir wieder beim Thema wären – den „Tootsie Rolls.“

Für das Naschwerk übernahm Hirschfeld dem Kosenamen seiner Tochter Carla: „Tootsie“.

Die Kleine hatte bereits Jahre vor der Markteinführung der „Rolls“ einen großen (Werbe-)Auftritt – als “Tattling Tootsie“. Das Produkt hieß seinerzeit „Bromangelon“.

Leo Hirschfelds Tochter Carla „Tootsie“ als  Werbefigur „Tattling Tootsie“ in einer Anzeige für „Bromangelon“ (2)

Solch breitangelegtes Marketing war dem Betreiber einer obskuren, kleinen Candy-Klitsche in Brooklyn wohl kaum möglich, einem leitenden Manager „des Stern-Saalberg-Konzerns“ hingegen schon.

Für ihre These führt Kawash eine Reihe von Belegen ins Feld, u.a. die Privatanschrift (356 W. 45th Street.) von Leo in Manhattan, unter der er seit 1891 als „Konditor“ gemeldet war. Diese Adresse befindet sich vom Firmensitz von „Stern & Saalberg Co.“ (in der 311 W. 40th Street.; Ecke 8. Avenue) ausgesehen, sprichwörtlich „um die Ecke“. (6)

 

Fußweg von Leo Hirschfelds Privatwohnung zu seinem Arbeitgeber „Stern & Saalberg“ in Manhattan (4)

Dies mag ein Zufall sein; folgendes aber garantiert nicht.

Wie Steve Sheehan recherchierte, der ebenfalls über die Geschichte der „Tootsie Rolls“ forschte und seine Erkenntnisse Samira Kawash zur Verfügung stellte, fand sich in der „Abschrift einer Anhörung der New Yorker Staatsversammlung von 1896“ eine Notiz, die Leo Hirschfeld „den ersten Platz unter etwa 50 Mitarbeitern der Firma Stern & Saalberg einräumt“. Ein unbestreitbarer Beweis, wie Steve Sheenan es ausdrückt, dass Hirschfeld „1896 keine Süßigkeiten in seinem (Brooklyner, E.W.) Laden verkaufte. Er war vielmehr Angestellter und beaufsichtigte (Produktions-)Linie von Stern & Saalberg“ (Übersetzung: E.W.).

Eine „Fusion unter gleichen“, sprich: von Leos kleinem „Candy Shop“ und dem großen „Stern & Saalberg Konzern“, welche die „Tootsie Roll Industries“ in ihrem Gründungsmythos (siehe oben) lange Zeit behauptete, hat es niemals gegeben.

Aber das hätte einem auch der „gesunde Menschenverstand“ verraten können.

Zu diesem Befund passen die weiteren Rechercheresultate Samira Kawashs zu Leos Hirschfelds Vita.

Hirschfeld ließ in den Jahren 1894 und 1895 unter seinem Namen mehrere eigene Erfindungen patentieren: – US Patent 530 417 für eine Maschine zum Ablagern von Süßwaren in Formen. – US Patent 543 733 für eine Bonbon-Tauchmaschine – US Patent 543 744, das eine neuartige Gabel zum Eintauchen von Bonbons beschreibt.

Darüber hinaus haben sich noch mindestens vier weitere Patente Leo Hirschfelds erhalten – keine geringe Anzahl für Erfindungen.

Die 1890er Jahre waren Boom-Jahre in der Produktions-Technologie von Süßwaren.

Profit mit Süßwaren ließ sich vor allem über das Produktions-Volumen erzielen und um größere Margen zu erreichen, benötigte man vor allem Maschinen.

Ein gutes Patent konnte folglich sehr wertvoll sein.

Dass Hirschfeld „Stern & Saalberg Co.“ dennoch die Hälfte der Rechte aus diesen Patenten einräumte, kann nur dadurch erklärt werden, dass er Angestellter des Konzerns war und eben kein freischaffender Candy-Shop-Betreiber.

Dank seiner wertvollen Erfindungen und süßen Kreationen hatte sich Leo Hirschfeld bei Stern & Saalberg vom einfachen Angestellten ganz nach oben gearbeitet. So erwähnt ihn ein Eintrag im „Trow-Partnerschafts- und Unternehmensverzeichnis“ aus dem Jahr 1904 als einen von drei  Direktoren.

1913 hatte er schließlich den Posten des Vizepräsidenten inne.

In diesem Jahr war sein Riegel –die „Chocolate Tootsie Rolls“ so beliebt, daß Stern & Saalberg die Werbung aus Handels-Blättern nehmen musste, um ihre Kunden von minderwertigen Nachahmungen zu schützen.

Schon 1908 hatte sich das Unternehmen beim Markenamt das Label „Tootsie“ schützen lassen; der Eintrag erfolgte am 14. September des Folgejahres.

Auch das Produktionsverfahren der Spezialität hatten Hirschfeld und sein Arbeitgeber sich frühzeitig patentrechtlich absichern lassen, u.a. mit dem US-Patent 903,088, das im November 1908 erging und die Herstellungstechnik beschrieb, welche den Tootsie Rolls ihre charakteristische Textur verleiht.

In den Verkauf ging die Süßigkeit ab September 1908. Um das Produkt  endgültig auf dem Markt zu etablieren, startete „Stern & Saalberg“ ab 1909 breitangelegte Werbe- und Marketingkampagnen, u.a. im studio-eigenen Film-Journal von Hirschfelds altem Freund Karl.

Zwar kosteten die Tootsie Rolls damals nur 1 Cent. Doch die 700 Millionen Stück, die allein zwischen 1908 und 1913 vernascht wurden, machten Leo Hirschfeld zu einem reichen Mann.

Patriotische Werbung für „Tootsie Rolls“ während des 1. Weltkriegs, 1918 (1)

Wobei er dies ohne Stern & Saalberg, einem zu dieser Zeit etablierten Unternehmen mit genügend Kapital, um ein neues Produkt „nationwide“ auf dem Markt dauerhaft zu halten, vermutlich nicht geschafft hätte. War Leo vom Charakter her doch eher der geniale Tüftler (und Feinschmecker) als der knallharte Geschäftsmann.

Umgekehrt wäre die „The Stern & Saalberg Company“ ohne Hirschfeld und seine Erfindungen vermutlich ein mittelständischer Süßwarengroßhändler geblieben. So aber ging daraus zuerst die „The Sweets Company of America“ hervor, die später als „Tootsie Roll Industries“ firmierte – ein Unternehmen im aktuellen Wert von weit über einer Milliarde US-Dollar.

Tragischerweise wurde dieser Erfolg Leo Hirschfeld selbst zum Verhängnis.

1917 reorganisierte sich „Stern & Saalberg“, nach dem sich die beiden namensgebenden Firmengründer in den Ruhestand verabschiedeten und ihren Reichtum genossen, neu als „The Sweets Company of America“.

Es traf Leo Hirschfeld schwer, dass Mr. Stern und Mr. Saalberg ihn – trotz all seiner Verdienste – nicht als Nachfolger an der Firmenspitze installierten und ihm stattdessen ein firmenfremdes Management vor die Nase setzten.

Verbittert verließ Hirschfeld irgendwann um 1920 das Unternehmen, um sich mit der „Mells Candy Corporation“ selbständig zu machen.

Jemand anderes verkaufte nun „seine“ Tootsie Rolls, und Mells Candy hatte nichts (vergleichbares) zu anzubieten.

Im zweiten Weltkrieg gehörten die „Tootsie Rolls“zur „Feld-Ration“ amerikanischer Soldaten – Kartons mit diversen haltbaren Lebensmitteln, Fertiggerichten, Konserven, Getränkepulvern, Kaugummis und Zigaretten. Mit den Alliierten gelangten die Riegel u.a. auch in Hirschfelds alte Heimat, Deutschland, wo die Süßigkeit sich aber nie durchsetzte und heutzutage so gut wie unbekannt ist. (5)

1921 war ein schlechtes Jahr.

Bald zerschlug sich Hirschfelds Hoffnung, er könne eine Süßigkeiten-Dynastie gründen und an seine Kinder weiter vererben. Für ihn als Macher war der erreichte große Wohlstand da nur ein schwacher Trost.

Seine Frau erlitt einen Zusammenbruch und erholte sich nur langsam in einem Sanatorium.

Hirschfeld selbst wurde – unter dem Eindruck der Belastung und Frustration, die ihm das erfolglose Unternehmertum bereitete – von starken Magenschmerzen geplagt.

Am 13. Januar 1922 nahm er sich ein Zimmer im Monterey Hotel, das sich in der 94th Street, unweit des Broadway in Manhattan, befand.

Überraschend zynisch fragt Samira Kawash am Ende ihres Blog-Artikels:

„Was ging Hirschfeld an jenem Januartag im Jahre 1922 wirklich durch den Kopf, als er den Abzug der Pistole abdrückte?“

Er starb noch am selben Tag.

Artikel der „New York Times“ vom 14. Januar 1922 über Leo Hirschfelds Suizid

Seinem Anwalt hinterließ Leo Hirschfeld eine Notiz, in der stand: „Es tut mir leid, aber ich konnte mir nicht helfen.“

* Die Inhalte des Blogs dienten Samira Kawash als Basis für ihr Buch „Candy: A Century of Panic and Pleasure“. Faber & Faber. 2013. 402 Seiten

Quellen:

(1) https://en.wikipedia.org/wiki/Tootsie_Roll
(2) https://candyprofessor.com/tag/leo-hirschfeld/
(3) news.google.com/newspapers
(4) Graphik von Ewald Wildtraut auf Basis einer Recherche bei google maps
(5) http://www.todayifoundout.com

 

… Julius Klugmann?

 

(Inhalt folgt)

… Julius Hilder?

( Inhalt folgt)

… der S.S. Neckar?

( Inhalt folgt)