Das Kino – so ein Theater! (1/x)

Entschuldigen Sie bitte, aber manchmal, wie im folgenden, mehrteiligen Kapitel, geht einfach der Medienwirkungsforscher mit mir durch.

Beginnen wir mit einer Gemeinsamkeit.

Sowohl im Theater* als auch im Kino bekommen Sie für die Dauer der Vorstellung einen, in der Regel örtlich festgelegten und zumeist nummerierten Sitzplatz zugewiesen.

Die besten Sitzplätze** befinden sich im Theater direkt vor der Bühne – wo der Blick unverstellt ist und die Schauspieler (w / m) nahe vor den Augen des Betrachters (w/m) agieren.

Vom jeweiligen Sitzplatz im Theater aus bleiben während der Aufführung der räumliche Abstand und die Perspektive zur Szenerie immer gleich. Der nicht verkürzbare Abstand bzw. die non-variable Perspektive  entspricht der „Totalen“ beim Film, bei der die Kamera ein Geschehen aus einiger Entfernung ablichtet.

Man kann im Theater den Schauspielern also distanzmäßig nicht näher kommen. Wer´s dennoch probiert und auf die Bühne stürmt, wird  von den Theaterdienern ziemlich sicher, eher unsanft des Hauses verwiesen.

Ganz anders die Filmkamera. Sie kann den Akteuren im wahrsten Sinne des Wortes hautnah kommen. Und was sie aufnimmt, erscheint durch die Projektion auf der Kinoleinwand im Vergleich zur realen Körpergröße übermenschlich dimensioniert, siehe nachfolgende Graphik.

Durch die Projektion verändert sich die Größe eines Bildes im Vergleich zum Original um ein Vielfaches.

Der Kinogänger sieht dann – je nach Qualität der Aufnahme –  jede Hautpore und jedes winzige Härchen gestochen scharf.  Die meisten Cineasten meiden deshalb – im Gegensatz zu Theaterbesuchern – strikt die erste(n) Reihe(n). 

Auf der Theaterbühne wirken die Schauspieler durch die stets gegebene physikalische Distanz vom Sitzplatz zur Spielszene wie mehr oder weniger kleine Figuren.

Das Dionysus Theater in Athen (1)

Ein „Bruststück“ wie in der Malerei oder Fotografie – also ein Portrait, das nur den „oberen“ Teilausschnitt der menschlichen Gestalt zeigt: den Kopf mit einem Großteil des Oberkörpers, der Schultern sowie der oberen „Abschnitte“ der Arme – gibt es im Theater nicht, im Film dagegen schon – als Nahaufnahme.

Folgendes, längst zur Ikone gewordenes Bild ist die erste Portrait- / Nahaufnahme, die je in einem Film verwendet wurde. Sie stammt aus dem Klassiker „The Great Train Robbery“ von 1903.

Justus D. Barnes in „The Great Train Robbery“ (1903)

Die Sequenz, dem dieses Standbild (2) entliehen wurde, zeigt den Schauspieler Justus D. Barnes, der zum Entsetzen vieler Zuschauer seinerzeit, im wahrsten Sinne des Wortes direkt auf das Publikum zielte (und abdrückte. Peng!).

Der Regisseur des Films, Edwin S. Porter (ausführliches Portrait auf streifenkiste.de folgt), gilt als maßgeblicher Pionier nicht nur der (visuellen) „Sprache des Films“, die erst noch für das ehedem „neue Medium“ entwickelt werden musste (Stichworte u.a. : Schnitt, Take / Einstellung, Rückblende) und nicht eins zu eins aus der Dramaturgie und den Darstellungsformen des Theaters übernommen werden konnte.

Darüber hinaus schuf Porter Werke, die heutzutage als die ersten ihres Genres angesehen werden. So wird „der große Eisenbahnraub“ heutzutage sowohl als Prototyp des „Western“ als auch des „Gangsterfilms“ betrachtet; ferner als erster Erzählfilm“ überhaupt  – also als Film, der – ähnlich einem Theaterstück – eine auf einem Drehbuch / Skript basierende Handlung inszeniert.

Zurück zum Theaterboden. Dort ist, außer er wird durch Mitspieler oder Bühnenbild-Elemente verdeckt, in der Regel der ganze menschliche Körper sichtbar, weshalb dessen „Sprache“ – neben den mündlich artikulierten Inhalten – die Wirkung einer Inszenierung maßgeblich bestimmt.

Die Ausdrucksvielfalt und -stärke der Körpersprache wurde vom frühen Kino adaptiert, das lange „stumm“ blieb, weil seine Filme es technisch nicht vermochten, das gesprochene Wort und natürliche Geräusche  aufzuzeichnen und wiederzugeben.

Das Manko des fehlenden Tons mussten die Darsteller mit ihrer Mimik und Gestik wettmachen. Folglich kamen die ersten Stars des neuen Mediums „Film“ – wie Florence Lawrence, Mary Pickford oder Lon Chaney, der seit Kindertagen das kärgliche Einkommen seines Elternhauses als Pantomime  aufbesserte – zumeist direkt von den „Brettern, die die Welt bedeuten“.

Um möglichst auch noch in der letzten Kinoreihe „rüber“ zu kommen, war es notwendig, dass die Schauspieler ihre Körpersprache übertrieben und das Spiel mit Mimik und Gestik auf die Spitze trieben.

Als ab Mitte der 1920er Jahre der Tonfilm selbst die leisesten Geräusche aufnehmen und wiedergeben konnten, wurde die manierierte Körpersprache der Stummfilm-Mimen von den Kinogängern als unnatürlich, überspannt, gekünstelt – kurz: zu „theatralisch“– wahrgenommen und abgelehnt. (3)

Zudem urteilten die Kinogänger über die im Tonfilm nun endlich akustisch vernehmbaren Stimmen ihrer Stummfilm-Idole paradoxerweise: „Ich kann  ihre / seine Stimme einfach nicht hören!“

Manche dieser Stars beherrschten nämlich gar kein Englisch oder nur mit extremen Slang bzw. Akzent – etwa Pola-Negri oder Emil Jannings, der 1929 immerhin den ersten Oscar aller Zeiten als „Bester Schauspieler“ gewonnen hatte. (4)

Kein Wunder, dass nur den wenigsten Stars des Stummfilms – etwa Greta Garbo oder Charlie Chaplin – karrieremäßig der Übergang in die Ära des Tonfilms gelang. 

Quellen:

(1) fineartamerica.com/featured/the-theatre-of-dionysus-
athens-greece-ken-welsh.html
(2) de.wikipedia.org/wiki/Der_große_Eisenbahnraub_(1903)
(3) www.stummfilm-magazin.de
(4) de.wikipedia.org/wiki/Stummfilm
(5) de.wikipedia.org/wiki/Emil_Jannings

* Gleiches gilt natürlich auch bei der Oper oder beim Musical.
** Ob in den ersten Reihen die besseren Menschen sitzen, darf mitunter bezweifelt werden.

(Fortsetzung folgt)