Guckkasten vs. Projektion

Jahrhunderte, ja: Jahrtausende lang kamen die meisten Menschen während des ganzen Lebens nicht weiter als in die umliegenden Gemeinden und Städte ihrer Heimatorte.

Ein Wandersmann – und war er noch so gut zu Fuss – schaffte an einem Tag selten Distanzen von über 30 Kilometern.

Zu schlecht bot sich der Zustand der nicht-asphaltierten Straßen und Pfade dar, die sich bei Regen rasch in Schlammbäder verwandelten, in denen jede Bewegung massiv ins Stocken kam.

Selbst die  Thurn und Taxis´ sche Post, die durch Pferdewechsel in einem beinahe europaweiten Netz von Rast-und Post-Stationen – angesichts der „Straßenverhältnisse“ in vorindustrieller Zeit – ein geradezu rasantes Tempo anschlug, benötigte etwa für die ca. 900km zwischen Brüssel und Innsbruck im Sommer fünfeinhalb Tage und sechseinhalb im Winter. (1)

Erst das Aufkommen der Eisenbahn und der Dampfschifffahrt ab Mitte der 1830er Jahre ermöglichte ein immer flotteres Tempo.

Wer also etwas von der großen weiten Welt mitbekommen wollte, war darauf angewiesen, dass neben zunächst sporadisch verbreiteten gedruckten Zeitungen, Reisende – oft in reichlich ausgeschmückten und dramatisierten – Erzählungen davon berichteten.

Als weitere Quelle für das „Weltbild“ der Menschen fungierten „Guckkästner“, die von Dorf zu Dorf, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen und anhand ihres Bild-Materials oft schaurige Geschichten und „Zeitung“ (sprich: Nachrichten) aus der Ferne jenseits der heimischen Scholle erzählten.

 

 

Der Begriff „Guckkasten“ (b) darf wörtlich genommen werden. Es handelte sich tatsächlich um einen Holzkasten, in den der Betrachter – gegen Geld – durch eine Öffnung (Guckloch) hinein lugte. In dieses Loch war eine vergrößernde optische Glaslinse eingelassen, hinter der die – von hinten beleuchteten – Guckkastenbilder in nur wenigen Zentimetern Abstand vorbei geführt wurden.

Dies geschah entweder – ähnlich einem Diaprojektor – dadurch, dass die auf transparenten Papier gedruckten und mit feinen Holzleisten gerahmten Guckkastenbilder nach und nach ins bzw. aus dem Blickfeld geschoben bzw. gezogen wurden. (c)

 

 

Oder es wurden – bei einer anderen Variante – ähnlich einem Filmstreifen – mehrere Illustrationen auf eine Rolle transparenten Papiers gedruckt, so dass sie vom Bediener oder Benutzer des Guckkastens mittels eines Drehknopfs nach und nach vor das Betrachtungsokular transportiert konnten. Diese Kurbelapparatur war allerdings so behäbig, dass sie es bei weitem nicht vermochte – wie etwa beim Daumenkino – den Eindruck eines bewegten Bildes, also Films, zu erwecken.

Als Lichtquelle dienten neben dem Tageslicht, zumeist Kerzen oder Talglicht, denn elektrisches Licht gab es vereinzelt erst ab den 1880er Jahre (a). Zu diesem Zeitpunkt war die Blütezeit des Guckkastens aber längst vorbei.

Um die optische Illusion / Täuschung zu erzeugen, der Guckkasten-Gucker befände sich räumlich quasi am abgebildeten Ort, präsentierten die Grafiken ihre Sujets auf transparentem Papier in stimmig bis theatralisch überhöhter Perspektive.

Besonders schätzten die Jahrmarkt-Besucher Bildmotive von Städten, Sehenswürdigkeiten und Idyllen vor allem aus Europa, die zu bereisen, dem damaligen „Otto Normalbauer“ i.d.R. allein schon aus finanziellen Gründen verwehrt war.

Als frühes Massenmedium prägten diese Illustrationen, mit denen „fahrendes Volk“ (häufig Kriegsversehrte oder ehemalige Matrosen) über Land zogen, das Weltbild breiter Bevölkerungsschichten in vorindustrieller Zeit, deren Bildwelt bis dahin fast exklusiv aus religiösen Darstellungen in Kirchen bestand. Auch wenn es vielleicht etwas übertrieben klingt, so leisteten diese Vorläufer der Dias – im Sinne der Aufklärung (als Epoche) – wenigstens einen kleinen Beitrag wider die jahrhundertelange Bevormundung, genauer: Verdummung, der Bevölkerung durch den Klerus.

Weitere beliebte Themenkreise der zumeist auf Basis von Radierungen, Stahl- oder Kupferstichen  auf Papier angefertigten und mit Gouache von Hand kolorierten Motive entstammten u.a. der Bibel, der klassischen Mythologie, der germanischen Sagenwelt, aus Theaterstücken oder populärer Literatur. Aber auch für Naturkatastrophen sowie mensch-gemachte Desaster wie Stadtbrände oder Schlachten hatte das Volk ein ausgesprochenes Faible.

Im Zeitalter der Fotografie wurde das Grundprinzip des Guckkastens – durch optische Linsen, von hinten beleuchtete transparente Bilder im dunklen Innern eines Gehäuse  zu betrachten –  vom „Kaiserpanorama“ übernommen. Eine solche Gerätschaft kann in der Dauerausstellung „Typisch München!“ des Münchner Stadtmuseums bewundert werden. (https://www.muenchner-stadtmuseum.de/sammlungen/fotografie.html )

 

 

Das erste 1880 von August Fuhrmann konzipierte und in Breslau aufgestellte Exemplar offenbarte sich als riesiger Publikumsmagnet. So beschloss der Unternehmer und studierte Physiker die optische Apparatur 1883 in die Berliner „Kaisergalerie“ – daher der Name des Geräts – zu verlegen. Diese prachtvolle Passage zu Ehren Kaiser Wilhelms I. verband ab 1873 den Boulevard „Unter den Linden“ mit der nicht minder glamourösen „Friedrichstraße“.

Auch am neuen Standort war das Panorama eine die Massen anziehende Sehenswürdigkeit. Beflügelt von diesem Erfolg eröffnete Fuhrmann in Eigenregie oder als Lizenzgeber Kaiserpanoramen in über 200 europäischen Großstädten.

Bis etwa 1910, als der Siegeszug des damals neuen Mediums „Film“ zunehmend auch die Provinzstädte erreichte, waren die Kaiserpanoramen ein sehr populäres Massenmedium. Deren Bildfundus bestand – ähnlich der Guckkästen – hauptsächlich aus Aufnahmen exotischer Landschaften und Sehenswürdigkeiten aus aller Welt, die zu bereisen sich der Normalbürger nicht leisten konnte.

Als „Anschauungsmaterial“ dienten beim Kaiserpanorama – anders als beim „Guckkasten“ – aber keine Graphiken auf Papier, sondern auf transparente Glasscheiben „gezogene“ stereoskopische Aufnahmen.

Genau gesagt, bestand jedes Bild aus drei Scheiben: dem vorderen Schutzglas, dem auf Glas belichteten schwarz-weiß-Diapositiv sowie eine unteren Mattglasscheibe. Auf letztere wurden entsprechend des Schwarz-Weiß-Motives des Diapositives passend winzige transparente Farbflächen aufgemalt. Diese Miniatur-Pinselei konnte nur von begabten Künstlern mit einem Wissen um die natürliche Farbigkeit sowie einer ausgesprochen ruhigen Hand geleistet werden.

Von hinten beleuchtet „verschmolzen“ die lasierend aufgebrachten Farbfleckchen optisch mit dem Schwarz-Weiß des Diapositives scheinbar zu einem Farbbild, das zu jener Zeit noch nicht auf photochemischen Wege hergestellt werden konnte.

Die schwarz-weißen Stereoskopien an sich wurden mit Kameras aufgenommen, die über zwei nebeneinander befindliche Objektive verfügten, deren zwei Aufnahmebereiche – ähnlich der beiden Sehfelder des menschlichen Augenpaares –  perspektivisch leicht gegeneinander verschoben angeordnet sind.

 

 

Um das Prinzip zu verstehen, betrachten Sie bitte, den Kopf geradeaus gerichtet, einfach einen bestimmten Gegenstand mit beiden Augen.

Behalten sie die Kopfhaltung bei. Schließen Sie (oder bedecken Sie mit einer Hand) nun für ein paar Sekunden oder Sekundenbruchteile abwechselnd mehrfach eines ihrer Augen: solange Sie beispielsweise das linke Auge geschlossen halten, halten Sie das rechte geöffnet. Und umgekehrt: sobald sie das linke Auge zukneifen, öffnen sie das rechte. So verfahren Sie wechselweise ein paar Mal.

Sie werden bemerken, dass sich der sichtbare Bereich beim linken Auge nach rechts ausdehnt und beim rechten nach links. Gegenstände – insbesondere jene, die sich zentral, frontal in Verlängerung der Nase befinden – scheinen, wenn abwechselnd schnell je ein Auge geöffnet bzw. geschlössen wird, einmal leicht nach rechts bzw. nach links zu „springen“, wobei dieses Springen besonders an der Nasenspitze, die sich beim linken Auge am rechten  unteren Rand des sichtbaren Bereichs befindet  (bzw. vice versa beim rechten Auge) deutlich wird.

Jedes der beiden Augen nimmt die Umwelt also aus einem spezifischen Blickwinkel als zweidimensionales Abbild wahr (was natürlich fortlaufend geschieht).

Erst das Sehzentrum des Gehirns verrechnet anhand der beiden, aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommenen visuellen 2-D-Eindrücke ein gemeinsames Bild, wobei es permanent die Nase aus dem Sichtfeld herausfiltert und fortwährend einen räumlichen Tiefeneindruck („Raumbild“) erzeugt.

Kehren wir zurück ins Kaiserpanorma. Nachdem die Besucher dort Eintritt bezahlten, setzten sie sich auf einen der 25 durchnummerierten Plätze um den etwa 2,50 m hohen Holzbau mit einem Durchmesser von ca. 4 m Platz.

In dessen Inneren befandt sich ein karusselartiges drehbares Gestell, der sogenannte Bilderwagen, in den auf Höhe der beiden Gucklöcher rundum 50 Glas-Stereobilder eingespannt und von hinten – entweder mit Gaslampen oder elektrischem Licht – beleuchtet wurden.

Der Bildwagen drehte sich nach ca. 30 Sekunden, angekündigt von einem Klingeln, um eine halbe Station weiter, so dass ein bestimmtes Stereobild nach 2maligen Klingeln und Weiterrücken am benachbarten Sitzplatz angeschaut werden konnte. Alle Bilder anzuschauen, dauerte also etwa 25 Minuten.

Angesichts dieser Geschwindigkeit des Bilder-Transports wird klar, dass es sich Kaiser-Panorama – ähnlich wie beim Guckkasten – noch nicht um ein Vorführgerät für Film, also um bewegte Bilder (movies),  im engeren und klassischen Sinn handelte.

Allerdings wird uns das Prinzip des Guckkastens bei Geräten wieder begegnen, die als Wegbereiter des Kinos gelten.

Gleiches gilt auch auf die Laterna Magica, auf die im Folgenden – als Prototyp für die Projektion von Bildern – kurz eingegangen werden soll.

(a) Auch Guckkasten-Typen mit je einer Öffnung pro Auge wurden konstruiert.

(b)

Diese vor-modernen „Dias“ hatten eine einheitliche Breite von 41 cm, damit sie sowohl in die Modelle von verschiedenen Manufakturen und Handwerker passten als auch ins europäische Ausland verkauft bzw. von dort eingeführt werden konnten. So kann dieses Medium – etwas überspitzt formuliert – als frühes Beispiel der Globalisierung und internationalen Normierung im Dienste des Handels angesehen werden.

(c)

Nach diversen Versuchen (gemäß der von Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym „Peter Panter“ in der „Weltbühne von 23.11.1926 veröffentlichten Rezension „Ein Indianerbuch der Technik“ zu Ernst Angels Buch „Edison – Sein Leben und Erfinden“, bedeutet „Erfinden: 1 % Inspiration, 99 % Transpiration“ bedeutet)  – fand Thomas Alva Edison 1879 erstmals einen relativ beständigen, ca. 40 Stunden haltbaren Glühfaden aus Bambuskohlefaser für seine wohl bedeutendste Entwicklung, die Glühbirne.

(1) Höhne, Hansjoachim. Report über Nachrichtenagenturen – Teil 2: Die Geschichte der Nachricht und ihrer Verbreiter. Baden-Baden: Nomos. 1977.

 


(Fortsetzung folgt)