S.S. Neckar

Die „S.S. Neckar“ – 1873 gebaut für „Norddeutscher Lloyd“

Karl, die Landratte, konnte kaum glauben, was er vor sich sah – nie zuvor hatte er eine gewaltigere Maschine gesehen.

Lange stand er staunend vor dem Dampfer, musterte jedes Detail – den Schornstein und die beiden, noch nicht besegelten Masten, deren Spitzen in einer dichten Nebelbank verschwanden, die Kommandobrücke, die armdicken Taue, welche das Schiff mit dem Festland verbunden hielten, die schwarz-weiß-rote Flagge am Bug, die so fröhlich im frostigen Wind flatterte, dass Karl der Gedanke kam, sie könne – wie er selbst – vor lauter Vorfreude nur mit Mühe die Abfahrt erwarten.

Kaum hatte der junge Mann, der nur einen kleinen Lederkoffer mit sich führte, begonnen die Bullaugen zu zählen, als ihn jemand unsanft in die Seite stupste.

Erschrocken drehte sich Karl um. Da stand sein Schulfreund, Leo Hirschfeld,  und wies mit ausgestrecktem Arm auf die Gangway, die vom Kai aus in eine Luke im Schiffsrumpf aufstieg: „Los Karle, mir müssad do nauf!“

Die Burschen, denen man am hellen Flaum, der über ihren Oberlippen sprießte und den sie selbst stolz als „Bart“ bezeichneten, ansehen konnte, dass sie kaum Achtzehn sein konnten, stellten sich ans Ende der langen Menschenschlange, die sich vor der stählernen Zugangsbrücke gebildet hatte.

Am Fuße der Gangway fuhren immer wieder Kutschen vor, aus denen Menschen stiegen, deren Kleidung sie als Mitglieder der „besseren Gesellschaft“ auswies. Sofort kümmerten sich Dienstmänner des „Norddeutschen Lloyd“ um Person und Gepäck dieser Passagiere, damit diese rasch und bequem in die Kabinen der ersten Klasse gelangten.

Für die anderen Reisewilligen, die nur ein Ticket der zweiten oder – wie die beiden Schulfreunde – gar nur eines der dritten Klasse vorweisen konnten, hieß es solange geduldig zu warten, während der Nieselregen, der an diesem 31. Januar 1884 in Bremerhaven herrschte,  die Kleidung allmählich bis auf die Haut durchfeuchtete.

Karl und Leo, flüchteten sich, um von der bitteren Kälte, die langsam und zunehmend beißend in ihre Glieder kroch, abzulenken, in ironische Kommentare über die augenscheinliche Ungleichbehandlung der Passagiere. Damit stießen sie auf offene Ohren von zwei, etwa gleichaltrigen Jünglingen, die in der Schlange direkt vor ihren standen und sich den beiden Oberschwaben als „Julius aus Würzburg“ und Julius Hilder, Bayern“ vorstellten.

Wohl in der Absicht, die immer unerträglicher werdende Warterei zu überbrücken, gab der „Julius aus Würzburg“ den Wartenden zum Besten, was er sich über das Schiff angelesen hatte:
„Die S.S. Neckar ist fast 107 Meter lang und bis zu 12 Meter breit. Der Dampfer hat über 3100 Bruttoregistertonnen –  fragen Sie mich aber bitte nicht, was genau das bedeutet. Gebaut wurde der Pott in der Werft „Caird & Co.“ im schottischen Greenock– übrigens der Geburtsstadt von James Watt, weswegen das Dampfmaschinchen an Bord sicher ganz flott läuft, so dass wir, meine Herren, mit einer Reisegeschwindigkeit von – sage und schweige – 14 Knoten über den „großen Teich“  mehr fliegen als fahren werden!“

Carl, der ob des Vortrags sichtlich beeindruckt war, fragte den Würzburger: „Wie war noch mal Ihr Nachname?“
„Klugmann, Julius Klugmann!
„Der Name passt ja wie die Faust auf’s Auge!“ entgegnete Karl und fuhr – mit einer Mischung aus sanfter Ironie und ehrlich empfundenem Respekt in der Stimme – fort: „Klugmann, Sie sind klug, Mann!“

Dieses „Klugmann, Sie sind klug, Mann!“ sollte nicht nur während der Überfahrt zum geflügelten Wort werden, sondern fortan jedes Wiedersehen zweier lebenslanger Freunde einleiten.

Auch die längste Warterei hat zum Glück einmal ein Ende – und sei es nur durch den Tod. Nach vielen Stunden, die Karl und Leo gebraucht hatten, um an die Spitze der Warteschlange zu gelangen, bedeutete ein Dienstmann den beiden Freunden mit den Worten „So nu – Ihr twee Dösbaddel“, dass sie an Bord gehen durften.

Wie von einer Tarantel gestochen, stürmten die Buben über das Gateway an Bord, wo ein mürrisch schauender Matrose ihr Ticket kontrollierte und den beiden Burschen den Weg in die 3. Klasse erklärte.

Dort im Unterdeck schlug ihnen ein übler Mief entgegen – als ob der Gestank von Schweiss, Pisse und Kotze um die Wette eiferte, wer am penetrantesten daher kam.

Doch nicht nur olfaktorisch erlebten Karl und Leo die 3. Klasse als Schock.

Was hatte Klugmann noch mal über die Zahl der Passagiere gesagt, die dort für gut zwei Wochen leben sollten?

Die 502 Passagiere, dachte sich Karl dahin, werden sich auf dem riesigen Schiff bestimmt verlieren.

Ein absurder Gedanke angesichts der eng mit Stockbetten vollgepferchten, fast unbeleuchteten Schlafsäle, in denen die Luft so abgestanden war, als wär dies der Vorhof zur Hölle.

„Wie auf einer Sklavengaleere“, spottete Leo, dem sein Unwohlsein eine  leichenhafte Blässe ins Gesicht getrieben hatten.

Carl besaß eine ausgeprägte Phantasie. Obwohl der Saal vor ihm fast noch nicht belegt war, konnte er sich das laute Schnarchen aus Dutzenden Männerkehlen dort ebenso lebhaft vorstellen wie das Geschrei der vielen Säuglinge an Bord, die keine Nachtruhe kannten.

Unbewusst musste der Jüngling sich kratzen – angesichts Vorstellung, dass in den Etagenliegen Schwärme von Bettwanzen gierig auf die nächste Blutmahlzeit warteten.

Wie Karl, hatten die meisten Passagiere nie zuvor im Leben ein Schiff betreten. Er fürchtete sich davor, dass seine Mitreisenden – von der Seekrankheit in den Wahnsinn getrieben – zu brutalen Bestien verkommen könnten.

„Warum musste ich so ungeduldig sein und die Überfahrt ausgerechnet in jener Jahreszeit wagen, da der Atlantik von mörderischen Stürmen geprügelt, sein alles verschlingendes Wesen hinter einer grimmig zerfurchten Maske aus haushohen Wellen verbirgt?“

Während die beiden Schulfreunde unentschlossen im Mittelgang des Unterdecks standen, drängten an ihnen vorbei immer mehr Menschen in den Schlafsaal – Menschen, die zielgerichtet Betten belegten, damit ihre Familien zusammen bleiben konnten und die sich angesichts der Raumknappheit anstrengen mussten, irgendwo ihr zumeist ärmliches Gepäck zu verstauen.

Unsere beiden Jünglinge schienen dagegen andere Sorgen zu haben:
„Woischt, was des Allerschlimmste do hana isch, Karle?“
„Noi!“
„Du hoscht it amol a bissle was Privats! Immar isch oiner um di ‚rum!“
„Jo, zum Verruckt werda!“

In diesem Augenblick kam ein Matrose den Gang herunter, der die Belegung der Säle prüfen und Reisenden die letzten freie Schlafplätze zuweisen sollte.

Karl eilte dem Seemann entgegen, während Leo ihm „Was hoscht etzt vor?“ hinter her rief und fragte: „Gibt´s no an Platz in da zwoita Klass?“

Noch bevor der Fahrensmann antworten konnte, schrie Leo dazwischen: „Zwoi Plätz, bitte!“

Mitleidig schaute der junge Herr, der stolz die schicke marineblaue Uniform eines Pagen des Norddeutschen Lloyds trug, die beiden Burschen an und sprach: „Schad, avers all de achtunsesstig Steden inner tweeden sünnt just sau uttverköfft as de hunnertveerenveerzich inne ersten Kloass!“

Die beiden Auswanderer schauten sich ratlos an.
„Was hot’r gsaid?“, fragte Karl seinen Freund.
Ehe Leo reagieren konnte,  übersetzte der Matrose in betont artikuliertes Schriftdeutsch:
„Tut mir leid, aber die achtundsechzig Plätze der zweiten Klasse sind ebenso ausverkauft wie die 144 der ersten.“

Sprach’s und eilte davon, um anderen Passagieren bei der Suche und beim Beziehen ihres Lagers zu helfen.

Tief enttäuscht machten sich unsere zwei Buben, nach minutenlangen Diskussionen darüber, was sie jetzt noch tun konnten, daran je ein Stockbett zu für sich zu reservieren und ihre wenigen Habseligkeiten zu verstauen.

Gerade als Karl sich hinlegen wollte, um die Härte und Größe der Schlafstätte zu prüfen, eilte der Page in den Saal und winkte ihn zu sich.

Sofort sprang der Oberschwabe auf und huschte zum Seemann, der ihm vertraulich ins Ohr flüsterte: „Dusel mutt man haven!“

Schon Leo eilte herbei. Vertraulich steckten die drei Männer ihre Köpfe zusammen, während der Page wiederholte: „Dusel mutt man haven.“

Nach einer bewußt gesetzten Pause fuhr er fort: „Haar do noch ein Kabin inner Offizierskabeen. Vorausgesetzt – Sie beslüten sik sofort und zahlen stante pede, meine Herren!“
„Komisch“, dachte Karl: „jetzt, wo es darauf ankommt, verstehe ich ihn sofort!“
Schon hörte er Leo leise fragen: „Und was koschted eis der Spaß?“
„30 Dollar die Kabine“
„Dreißig Dollar?“ jammerten die beiden Freunde sofort unisono laut los und schauten sich ob des Preises entsetzt an.

Sekunden, unendlich lange Sekunden verharrten die beiden Auswanderer rat- und regungslos auf der Stelle, da beschloss der Matrose zu gehen.

Schon hatte er fast die Hälfte des Mittelgangs im Unterdeck zurückgelegt, da stürzte Karl aus dem Schlafsaal und brüllte dem Uniformierten aufgeregt hinterher: „Halt! bitte wartet Se!“

In diesem Moment trat Julius Hilder aus einem  benachbarten Schlafsaal. Auch ihm konnte man sein Unbehagen über die Zustände im Unterdeck ansehen.

Sofort winkte ihn Karl zu sich heran, währenddessen der Seemann achtlos weiter ging.

Erst als Karl sein Begehr ein zweites Mal laut wiederholte, blieb der Matrose stehen und drehte sich demonstrativ langsam um.

Sofort bemerkte Karl das spöttische Grinsen im Gesicht des Matrosen und dachte:  „Was für an Lumpasäckel!“

Schon waren auch Leo, Hilder und Klugmann zur Stelle.

Weil die Zeit eilte (und wohl auch, um sich Kosten zu sparen), fragte Karl, ohne sich vorher mit Hilder und Klugmann zu besprechen, den Seemann, „ob’s eventuell au meglich isch, dass mr z‘ Vert die Kabine teilet?“

Der Page schien massive Zweifel zu haben und verwies darauf, dass er Rücksprache mit dem zweiten Offizier halten musste.

Dies dauerte eine ganze Weile, während der die vier Männer kaum ein Wort wechselten; so nervös waren sie.

Als sie schon nicht mehr mit ihm rechneten, erschien der Page im Unterdeck, diesmal in Begleitung des zweiten Offiziers.

Ohne sich vorzustellen, fackelte der nicht lange: „macht fuffzisch Dollar“ und hielt den vier Youngstern frech seine Rechte hin, die Handfläche nach oben gedreht.

Noch viele Jahre später ärgerten sich die Vier, die während der ganzen Überfahrt die Kabine kaum verließen und  zu Freunden wurden, stets über den ihnen horrend erscheinenden Preis der Passage.

Zwar genossen sie die relative Ruhe in dem winzigen Wohnraum und auch dass dieser ihnen so etwas wie eine Privatsphäre gewährte.

Nur fiel das Bettlager hier auch nicht bequemer als im Unterdeck aus.

Was Karl und seine Reisekumpanen aber seinerzeit am meisten schmerzte, war der Umstand, dass durch die teure Schlafstatt ihr ohnehin nicht gerade üppig bemessenes Startkapital für die neue Welt weiter geschrumpft war.

Nackte Panik, nicht nur vor der stürmischen See, die schon so viele gute Seelen verschlungen hatte, überfiel Karl.

Was wurde später eigentlich aus…
… Leo Hirschfeld?
… Julius Hilder?
… Julius Klugmann?
… der S.S. Neckar?

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