Streifenfrei

 

Was Sie hier – leider – seit Monaten sehen, ist…

kein Fortschritt, nichts Neues…

eine Trümmerlandschaft.

Eigentlich sollte auf diesen Sites die Lebensgeschichte von Carl Laemmle, dem Pionier Hollywoods, in Form eines Romans erzählt werden. ***

Vermutlich war dieses Vorhaben aber von vorn herein zum Scheitern verurteilt; stellt sich das “wahre Leben” von “Onkel Carl” doch als spannender dar, als es ein fiktionaler Text je zu vermitteln vermag.

Damit nicht genug. Neben dieser literarischen Hommage an den ursprünglich aus Oberschwaben stammenden Filmproduzenten jüdischer Konfession, sollte auf STREIFENKISTE.de flankierend eine Enzyklopädie der wichtigsten Protagonisten, Techniken, dramaturgischen Kniffe etc. aus der Frühzeit des Films erstellt werden.

Ein wahnsinnig aufwändiges Unterfangen…

… ein größenwahnsinniges gar?

Vermutlich schon –  angesichts eines Brotjobs, diverser anderer künstlerischer Aktivitäten und – last, but not least – einer geliebten Familie.

Was soll nun weiter mit der STREIFENKISTE geschehen?

Es wird wohl eine Art Fortsetzung geben.

Nicht wie – dereinst geplant – als chronologisch angelegter, regelmäßig erweiterter und hoffentlich irgendwann abgeschlossener Roman.

Vielmehr als eine Art Panoptikum – mit allerlei Staunens- und Wissenswertem rund um die Frühzeit des Mediums Film – sei’s mal aus aktuell gegebenem Anlass oder weil der Verfasser und Gestalter dieser Sites textmäßig mal wieder nicht an sich halten kann.

Also bleiben Sie mir gewogen.

Herzlichst

Ihr

Ewald Wildtraut

*** Stattdessen empfehle ich Ihnen gern die Lektüre der folgenden Titel:

Bayer, Udo. Carl Laemmle und die Universal: eine transatlantische Biografie. Würzburg. 2013. Königshausen und Neumann. ISBN: 978-3-8260-5120-3.
»» Externer Link zum Verlag Könighausen & Neumann

Bayer, Udo. Carl Laemmle: Von Laupheim nach Hollywood. Berlin, Leipzig. 2013. Hentrich und Hentrich. ISBN: 978-3-95565-083-4.
»» Externer Link zum Verlag Hentrich & Hentrich

Stanca-Mustea, Cristina. Carl Laemmle: Der Mann, der Hollywood erfand. Hamburg. 2013. Osburg. ISBN: 978-3-95510-005-6
»» Externer Link zum Verlag Osburg

*** Außerdem lege ich Ihnen wärmstens den Besuch des “Museum zur Geschichte von Christen und Juden” in Carl Laemmles Geburtsstadt Laupheim nahe – mit einer eigenen, äußerst sehenswerten Abteilung zum Hollywood-Pionier und Menschenfreund Carl Laemmle.
»» Externer Link zum Museum zur Geschichte von Christen und Juden. Laupheim 

 

Oins – Feifafuffzge

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 11. November 2017

Carl brummte der Schädel: „Anstrengend, den ganzen Tag lang Zahlen zu wälzen“

Cochrane hatte gut reden: „Seien Sie kein Lohnsklave! Wenn Sie irgendetwas in dieser Welt erreichen wollen, tun Sie es es, bevor sie 40 sind!“

Es gab so viele gute Argumente für und wider.

Und ein großes Fragezeichen: würden die 3.000 Dollar ausreichen, um wenigstens ein kleines Krümelchen von Mr. Woolworth Kuchen stibitzen zu können.

„Endlich frische Luft“, dachte Carl, als er spätabends Cochranes Werbeagentur verließ.

Statt direkt ins Hotel zu gehen, ließ sich der Mann, welcher zum perfekt sitzenden Anzug einen, nicht nur größenmäßig passenden Hut gewählt hatte, durch das nächtliche Chicago treiben, bog – ohne erklären zu können, warum – einmal in diese, dann in jene Straße ein.

A Giant in Front of Chicago’s Skyline, in the early 20th Century

Es dauerte eine Weile, bis Carl sich den Grund seines ziellosen Flanierens eingestand: es galt Zeit zu gewinnen, um die finale Entscheidung  über seine berufliche  Zukunft möglichst lange hinauszuzögern, auf dass sich vielleicht doch noch ein neues, ausschlaggebendes Argument für diese oder eben für jene Option einstellen würde: „Das ist Deine letzte Chance!“

Bald wusste der Unentschlossene nicht mehr, wo genau er sich befand. Nur eines war dem Mann,  an dem nur seine geringe Körpergröße auffiel, klar:

„Back to Oshkosh? – No way!“

„Soll der alte Stern seinen Scheiß doch allein machen!“, schimpfte Carl.

Erschrocken über seine eigene Tirade, blickte er sich um: „Eigenartig, kein Mensch weit und breit.“

So hörte wohl nur der kalte Herbstwind anno 1906, wie sich unser Protagonist – zuweilen laut aufschreiend wie ein verletztes Tier –  mit Frust belegter Stimme fragte:

„Wo stünde die Continental Clothing heutzutage denn ohne mich?“

„Wer führte die riesigen Schaufenster ein, an welchen die Oshkosher ihre Goschen derart naseweis plattdrückten, als könnten sie hinter dem Glas einen Blick direkt ins Paradies erhaschen?

„Wie hieß noch mal der Kerl, welcher die Bestellung per Katalog und Post einführen wollte, um selbst den größten Hinterwäldern – nicht nur in Wisconsin – all die  schönen Waren der Continental frei Haus liefern zu können?

„War´s nicht zufällig jener, der auch bei der Reklame – im wahrsten Sinne des Wortes – Feder führend war?“

„Der sich ständig neue Verkaufs- und Marketingaktionen ausdachte, damit der Laden brummt, brummt brummt?“

„Warum ging ausgerechnet – ha-ha! – das Lockvogel-Angebot zu Thanksgiving so gründlich in die Hose?“

„Fuck’n turkeys…“ fluchte Carl, dessen Englisch immer noch die Melodik des oberschwäbischen Dialekts färbte, mit dem er einst aufgewachsen war; sodann winkelte er seine Arme an und schüttelte sie, einen Vogel imitierend: „… Kapital … kaputt-putt-putt!“

In diesem Augenblick hastete – unter spöttischem Gelächter – eine Gruppe junger Männer vorbei, die Carl imitierend, ihre Arme wie Federvieh auf und ab wedelten, während sie „putt-putt-putt“ krakelten.

Als die Kerle  bereits einige Schritte enteilt waren, drehte sich einer der Burschen noch einmal kurz um und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn , dem Kleingewachsenen einen „Vogel“  hinter her schickend.

Empört blickte Carl diesem Rüpel hinterher, der mit seinen Kumpanen rasch im Dunkel der Nacht entschwand.

Bald passierten Carl weitere Cliquen fröhlich parlierender Erwachsener beiderlei Geschlechts.

Sie schienen einer bestimmten Lokalität in der Milwaukee Avenue zuzustreben.

Wenige Minuten später bemerkte Carl dort eine lange Menschenschlange, die sich, wie er vermutete,  offensichtlich vor einem Theater gebildet hatte.

Carl fragte sich: „Nanu, was für ein Publikumsmagnet wird denn hier aufgeführt?“

Auf der Suche nach der Antwort stellte er sich ans Ende des Menschenauflaufes.

Schnell rückten seine Vordermänner und -frauen in Richtung eines Gebäudes vor, dessen Front von einer Leuchtreklame illuminiert wurde. Mit der Zeit konnte Carl deren verschnörkelte Art-Deco-Lettern als „The Hale Tours“ entziffern.

„The Hale Tours?! Was mag das wohl für ein Etablissement sein?“

Vor und hinter Carl wurde über Gott und die Welt diskutiert, geflirtet und geküsst.

Plötzlich überwältigte Carl ein Gefühl von Einsamkeit.

Eine Empfindung, die ihm seltsam vertraut vorkam.

Ein Deja-vu:  Carl erinnerte sich an seine Ankunft in Amerika, gut 20 Jahren zuvor. Als wolle sich das Land seiner Hoffnung entziehen, verbarg sich der Hafen von New York – das Tor zu einem neuen Leben – am 13. Februar 1884  hinter einer undurchdringlichen Nebelwand.

Grimmig kalt wie die Luft jenes Tages verlief auch der „Empfang“ in Castle Garden: Die Grenzbeamten ließen Carl wie die meisten anderen der gut 500 Mitreisenden, die zwei Wochen zuvor in Bremerhaven auf der „S.S. Neckar“ eingecheckt hatten, spüren, dass Ankömmlinge in der neuen Welt nichts wert waren; dass sie sich erst etwas erarbeiten mussten, wobei dieses Unterfangen –  das galt als einzige Gewissheit  –  bestimmt nicht jedermann gelingen würde.

Solchermaßen desillusioniert, dachte Carl kurz daran, die Rückreise anzutreten. Doch gab es kein Zurück mehr. Selbst einem körperlich viel stärkeren Menschen wäre es nicht gelungen, sich dem Strom der Passagiere, die mit Gewalt ins gelobte Land drängten, entgegen zu stemmen. Bald gab der kleine Mann auf und wurde von der Menschenmasse mitgerissen, die danach gierte, endlich den Boden von Manhattan zu betreten.

Nachdem Carl den Schlagbaum passierte, blieb er minutenlang erschöpft auf der Stelle stehen und beobachtete zunehmend traurig, dass die meisten Einreisenden offenbar von Verwandten oder Freunden erwartet und begrüßt wurden.

Um ihn herum fielen sich die Menschen in die Arme; küssten und drückten sich. Nur der junge Oberschwabe und sein Schulfreund Leo Hirschfeld, der mit im das Abenteuer Auswanderung gewagt hatte, standen ziemlich verloren inmitten all der oft tränen- und wortreichen Willkommens-Szenen.

Wie konnte Carl erwarten, sein Bruder Joseph Baruch, der zwölf Jahre zuvor in die Staaten emigriert war, würde ihn abholen und bei den ersten Schritten ins neue Leben unterstützen? Woher sollte “Joe” (wie der älteste Sohn von Julius Baruch und Rebekka seine immer seltener eintreffenden Briefe an Eltern und Geschwister zuletzt unterschrieb) denn überhaupt wissen, dass sich auch der zweitjüngste Spross der Familie auf die nicht ungefährliche Reise über den “Großen Teich” gemacht hatte?

Schließlich war es viele Jahre her, dass Joe ein letztes Schreiben in die alte Heimat gesendet hatte. Seitdem gab es zu ihm keinen Kontakt mehr, was insbesondere die Mutter zunehmend verbitterte. Verzweifelt hätte sie gern von ihrem ältesten Sohn Abschied genommen, von dem niemand wusste, wo er nunmehr in Amerika wohnte, so denn er überhaupt noch lebte.

Während Carl sich in solch trüben Gedanken verlor, bemerkte er nicht, wie die Menschenschlange vor ihm permanent kürzer geworden war.

Plötzlich stand er vor dem Kassenhäuschen. Freundlich grüßte ihn die Dame hinter einem Glasschalter, die bereits ein Billet abgerissen hatte: „Das macht dann bitte 5 Cent, mein Herr!“

Jahre später erinnerte sich Carl: „Das war die wichtigste Investition meines Lebens: dieser Nickel hat mein Leben verändert!“

© Text | Graphik: Ewald Wildtraut, 2017.

 

Aufbruch

Die “S.S. Neckar” – 1873 gebaut für “Norddeutscher Lloyd”

Karl, die Landratte, konnte kaum glauben, was er vor sich sah – nie zuvor hatte er eine gewaltigere Maschine gesehen.

Lange stand er staunend vor dem Dampfer, musterte jedes Detail – den Schornstein und die beiden, noch nicht besegelten Masten, deren Spitzen in einer dichten Nebelbank verschwanden, die Kommandobrücke, die armdicken Taue, welche das Schiff mit dem Festland verbunden hielten, die schwarz-weiß-rote Flagge am Bug, die so fröhlich im frostigen Wind flatterte, dass Karl der Gedanke kam, sie könne – wie er selbst – vor lauter Vorfreude nur mit Mühe die Abfahrt erwarten.

Kaum hatte der junge Mann, der nur einen kleinen Lederkoffer mit sich führte, begonnen die Bullaugen zu zählen, als ihn jemand unsanft in die Seite stupste.

Erschrocken drehte sich Karl um. Da stand sein Schulfreund, Leo Hirschfeld,  und wies mit ausgestrecktem Arm auf die Gangway, die vom Kai aus in eine Luke im Schiffsrumpf aufstieg: „Los Karle, mir müssad do nauf!“

Die Burschen, denen man am hellen Flaum, der über ihren Oberlippen sprießte und den sie selbst stolz als „Bart“ bezeichneten, ansehen konnte, dass sie kaum Achtzehn sein konnten, stellten sich ans Ende der langen Menschenschlange, die sich vor der stählernen Zugangsbrücke gebildet hatte.

Am Fuße der Gangway fuhren immer wieder Kutschen vor, aus denen Menschen stiegen, deren Kleidung sie als Mitglieder der „besseren Gesellschaft“ auswies. Sofort kümmerten sich Dienstmänner des „Norddeutschen Lloyd“ um Person und Gepäck dieser Passagiere, damit diese rasch und bequem in die Kabinen der ersten Klasse gelangten.

Für die anderen Reisewilligen, die nur ein Ticket der zweiten oder – wie die beiden Schulfreunde – gar nur eines der dritten Klasse vorweisen konnten, hieß es solange geduldig zu warten, während der Nieselregen, der an diesem 31. Januar 1884 in Bremerhaven herrschte,  die Kleidung allmählich bis auf die Haut durchfeuchtete.

Karl und Leo, flüchteten sich, um von der bitteren Kälte, die langsam und zunehmend beißend in ihre Glieder kroch, abzulenken, in ironische Kommentare über die augenscheinliche Ungleichbehandlung der Passagiere. Damit stießen sie auf offene Ohren von zwei, etwa gleichaltrigen Jünglingen, die in der Schlange direkt vor ihnen standen und sich als „Julius aus Würzburg“ und „Julius Hilder, Bayern“ vorstellten.

Wohl in der Absicht, die immer unerträglicher werdende Warterei zu überbrücken, gab der „Julius aus Würzburg“ den Wartenden zum Besten, was er sich über das Schiff angelesen hatte:
„Die S.S. Neckar ist fast 107 Meter lang und bis zu 12 Meter breit. Der Dampfer hat über 3100 Bruttoregistertonnen –  fragen Sie mich aber bitte nicht, was genau das bedeutet. Gebaut wurde der Pott in der Werft „Caird & Co.“ im schottischen Greenock– übrigens der Geburtsstadt von James Watt, weswegen das Dampfmaschinchen an Bord sicher ganz flott läuft, so dass wir, meine Herren, mit einer Reisegeschwindigkeit von – sage und schweige – 14 Knoten über den „großen Teich“  mehr fliegen als fahren werden!“

Carl, der ob des Vortrags sichtlich beeindruckt war, fragte den Würzburger: „Wie war noch mal Ihr Nachname?“
„Klugmann, Julius Klugmann!
„Der Name passt ja wie die Faust auf’s Auge!“ entgegnete Karl und fuhr – mit einer Mischung aus sanfter Ironie und ehrlich empfundenem Respekt in der Stimme – fort: „Klugmann, Sie sind klug, Mann!”

Dieses „Klugmann, Sie sind klug, Mann!“ sollte nicht nur während der Überfahrt zum geflügelten Wort werden, sondern fortan jedes Wiedersehen zweier lebenslanger Freunde einleiten.

Auch die längste Warterei hat zum Glück einmal ein Ende – und sei es nur durch den Tod. Nach vielen Stunden, die Karl und Leo gebraucht hatten, um an die Spitze der Warteschlange zu gelangen, bedeutete ein Dienstmann den beiden Freunden mit den Worten “So nu – Ihr twee Dösbaddel”, dass sie an Bord gehen durften.

Wie von einer Tarantel gestochen, stürmten die Buben über das Gateway an Bord, wo ein mürrisch schauender Matrose ihr Ticket kontrollierte und den beiden Burschen den Weg in die 3. Klasse erklärte.

Dort im Unterdeck schlug ihnen ein übler Mief entgegen – als ob der Gestank von Schweiss, Pisse und Kotze um die Wette eiferte, wer am penetrantesten daher kam.

Doch nicht nur olfaktorisch erlebten Karl und Leo die 3. Klasse als Schock.

Was hatte Klugmann noch mal über die Zahl der Passagiere gesagt, die dort für gut zwei Wochen leben sollten?

Die 502 Passagiere, dachte sich Karl dahin, werden sich auf dem riesigen Schiff bestimmt verlieren.

Ein absurder Gedanke angesichts der eng mit Stockbetten vollgepferchten, fast unbeleuchteten Schlafsäle, in denen die Luft so abgestanden war, als wär dies der Vorhof zur Hölle.

“Wie auf einer Sklavengaleere”, spottete Leo, dem sein Unwohlsein eine  leichenhafte Blässe ins Gesicht getrieben hatten.

Carl besaß eine ausgeprägte Phantasie. Obwohl der Saal vor ihm fast noch nicht belegt war, konnte er sich das laute Schnarchen aus Dutzenden Männerkehlen dort ebenso lebhaft vorstellen wie das Geschrei der vielen Säuglinge an Bord, die keine Nachtruhe kannten.

Unbewusst musste der Jüngling sich kratzen – angesichts Vorstellung, dass in den Etagenliegen Schwärme von Bettwanzen gierig auf die nächste Blutmahlzeit warteten.

Wie Karl, hatten die meisten Passagiere nie zuvor im Leben ein Schiff betreten. Er fürchtete sich davor, dass seine Mitreisenden – von der Seekrankheit in den Wahnsinn getrieben – zu brutalen Bestien verkommen könnten.

“Warum musste ich so ungeduldig sein und die Überfahrt ausgerechnet in jener Jahreszeit wagen, da der Atlantik von mörderischen Stürmen geprügelt, sein alles verschlingendes Wesen hinter einer grimmig zerfurchten Maske aus haushohen Wellen verbirgt?”

Während die beiden Schulfreunde unentschlossen im Mittelgang des Unterdecks standen, drängten an ihnen vorbei immer mehr Menschen in den Schlafsaal – Menschen, die zielgerichtet Betten belegten, damit ihre Familien zusammen bleiben konnten und die sich angesichts der Raumknappheit anstrengen mussten, irgendwo ihr zumeist ärmliches Gepäck zu verstauen.

Unsere beiden Jünglinge schienen dagegen andere Sorgen zu haben:
“Woischt, was des Allerschlimmste do hana isch, Karle?”
“Noi!”
“Du hoscht it amol a bissle was Privats! Immar isch oiner um di ‘rum!”
“Jo, zum Verruckt werda!”

In diesem Augenblick kam ein Matrose den Gang herunter, der die Belegung der Säle prüfen und Reisenden die letzten freie Schlafplätze zuweisen sollte.

Karl eilte dem Seemann entgegen, während Leo ihm “Was hoscht etzt vor?” hinter her rief und fragte: “Gibt´s no an Platz in da zwoita Klass?”

Noch bevor der Fahrensmann antworten konnte, schrie Leo dazwischen: “Zwoi Plätz, bitte!”

Mitleidig schaute der junge Herr, der stolz die schicke marineblaue Uniform eines Pagen des Norddeutschen Lloyds trug, die beiden Burschen an und sprach: “Schad, avers all de achtunsesstig Steden inner tweeden sünnt just sau uttverköfft as de hunnertveerenveerzich inne ersten Kloass!”

Die beiden Auswanderer schauten sich ratlos an.
“Was hot’r gsaid?”, fragte Karl seinen Freund.
Ehe Leo reagieren konnte,  übersetzte der Matrose in betont artikuliertes Schriftdeutsch:
“Tut mir leid, aber die achtundsechzig Plätze der zweiten Klasse sind ebenso ausverkauft wie die 144 der ersten.”

Sprach’s und eilte davon, um anderen Passagieren bei der Suche und beim Beziehen ihres Lagers zu helfen.

Tief enttäuscht machten sich unsere zwei Buben, nach minutenlangen Diskussionen darüber, was sie jetzt noch tun konnten, daran je ein Stockbett zu für sich zu reservieren und ihre wenigen Habseligkeiten zu verstauen.

Gerade als Karl sich hinlegen wollte, um die Härte und Größe der Schlafstätte zu prüfen, eilte der Page in den Saal und winkte ihn zu sich.

Sofort sprang der Oberschwabe auf und huschte zum Seemann, der ihm vertraulich ins Ohr flüsterte: “Dusel mutt man haven!”

Schon Leo eilte herbei. Vertraulich steckten die drei Männer ihre Köpfe zusammen, während der Page wiederholte: “Dusel mutt man haven.”

Nach einer bewußt gesetzten Pause fuhr er fort: “Haar do noch ein Kabin inner Offizierskabeen. Vorausgesetzt – Sie beslüten sik sofort und zahlen stante pede, meine Herren!”
“Komisch”, dachte Karl: “jetzt, wo es darauf ankommt, verstehe ich ihn sofort!”
Schon hörte er Leo leise fragen: “Und was koschted eis der Spaß?”
“30 Dollar die Kabine”
“Dreißig Dollar?” jammerten die beiden Freunde sofort unisono laut los und schauten sich ob des Preises entsetzt an.

Sekunden, unendlich lange Sekunden verharrten die beiden Auswanderer rat- und regungslos auf der Stelle, da beschloss der Matrose zu gehen.

Schon hatte er fast die Hälfte des Mittelgangs im Unterdeck zurückgelegt, da stürzte Karl aus dem Schlafsaal und brüllte dem Uniformierten aufgeregt hinterher: “Halt! bitte wartet Se!”

In diesem Moment trat Julius Hilder aus einem  benachbarten Schlafsaal. Auch ihm konnte man sein Unbehagen über die Zustände im Unterdeck ansehen.

Sofort winkte ihn Karl zu sich heran, währenddessen der Seemann achtlos weiter ging.

Erst als Karl sein Begehr ein zweites Mal laut wiederholte, blieb der Matrose stehen und drehte sich demonstrativ langsam um.

Sofort bemerkte Karl das spöttische Grinsen im Gesicht des Matrosen und dachte:  “Was für an Lumpasäckel!”

Schon waren auch Leo, Hilder und Klugmann zur Stelle.

Weil die Zeit eilte (und wohl auch, um sich Kosten zu sparen), fragte Karl, ohne sich vorher mit Hilder und Klugmann zu besprechen, den Seemann, “ob’s eventuell au meglich isch, dass mr z’ Vert die Kabine teilet?”

Der Page schien massive Zweifel zu haben und verwies darauf, dass er Rücksprache mit dem zweiten Offizier halten musste.

Dies dauerte eine ganze Weile, während der die vier Männer kaum ein Wort wechselten; so nervös waren sie.

Als sie schon nicht mehr mit ihm rechneten, erschien der Page im Unterdeck, diesmal in Begleitung des zweiten Offiziers.

Ohne sich vorzustellen, fackelte der nicht lange: “macht fuffzisch Dollar” und hielt den vier Youngstern frech seine Rechte hin, die Handfläche nach oben gedreht.

Noch viele Jahre später ärgerten sich die Vier, die während der ganzen Überfahrt die Kabine kaum verließen und  zu Freunden wurden, stets über den ihnen horrend erscheinenden Preis der Passage.

Zwar genossen sie die relative Ruhe in dem winzigen Wohnraum und auch dass dieser ihnen so etwas wie eine Privatsphäre gewährte.

Nur fiel das Bettlager hier auch nicht bequemer als im Unterdeck aus.

Was Karl und seine Reisekumpanen aber seinerzeit am meisten schmerzte, war der Umstand, dass durch die teure Schlafstatt ihr ohnehin nicht gerade üppig bemessenes Startkapital für die neue Welt weiter geschrumpft war.

Nackte Panik, nicht nur vor der stürmischen See, die schon so viele gute Seelen verschlungen hatte, überfiel Karl.

Was wurde später eigentlich aus…
… Leo Hirschfeld? [bitte anklicken!]
… Julius Hilder?  [Info folgt!]
… Julius Klugmann? [Info folgt!]
… der S.S. Neckar? [Info folgt!]