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lieber Besucher der Internet-Präsenz
unter www.streifenkiste.de!

Es begann so großartig mit uns beiden…

… dem Internet und mir!

Es begab sich im Jahr des Herren, anno 1995, dass sich der geschäftsführende Manager eines Münchner Pressegrossisten folgende Frage stellte:

„Wohin nur mit der ganzen Kohle?“

Für alle, die nicht genau wissen, was ein Pressegrossist macht, hier eine kurze Erläuterung seines Geschäftsfeldes:

Die wichtigste Aufgabe eines Pressegrossisten besteht darin, im Auftrag der großen Verlage bis zum frühen Morgen genau jene Zeitungen, Zeitschriften und sonstige Presseartikel in exakt der Menge anzuliefern, die Kioske, Läden oder Buchhandlungen vorab bestellt haben.

Werden diese Presse-Erzeugnisse nicht zur Gänze verkauft, so nehmen die Grossisten die übrig gebliebenen Exemplare im Dienste der Verlage wieder zurück, wobei sie die „tatsächlich verkaufte Auflage“ festhalten.***

Dieser reale Absatz an Print-Titeln ist für die Verlage extrem wichtig, denn nach der „tatsächlich verkauften Auflage“ wird die Höhe der Anzeigenpreise festgelegt – sprich, je besser sich eine Publikation verkauft, desto höher ist der Preis, den Unternehmen für Werbeanzeigen ebendort zu bezahlen haben.

Nun wird der kritische Geist sich und mich fragen, wo ist bei diesem Geschäftsmodell denn jene für die Pressegrossisten anfangs des Textes angedeutete „Lizenz zum Gelddrucken“?

Sie besteht darin, dass sich Grossisten ganz Deutschland untereinander aufgeteilt haben. In ihrer jeweiligen Region (aktuell sind das 57 sogenannte Grosso-Gebiete) sind sie folglich allein verantwortlich und zuständig.

Halt!

Bevor sie jetzt „Was sind denn das für Mafia-Methoden?!“ schrei(b)en, sei kurz daran erinnert, wie das Business vor Einführung der Presse-Grossos ablief: da mussten „Tante Emma“ und „der Kiosk an der Ecke“ alle Presseerzeugnisse bei den Verlagen erst einmal einkaufen, bevor sie diese verkaufen konnten.

Das heißt, sie trugen das alleinige wirtschaftliche Risiko, auf Bergen von Papier und allen Kosten sitzen zu bleiben, obwohl sie selbst keinerlei Einfluss auf die Themen der Print-Titel hatten.

Was Wunder, wenn viele Einzelhändler gleich die Finger ließen von der mitunter anrüchigen und rasch verderblichen Ware („Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern!“)

Diese Zurückhaltung wirkte sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht nachteilig für Verleger wie Axel Springer, Gerd Bucerius und Rudolf Augstein aus, denen zunehmend die Dealer für ihren Lese-Stoff abgingen.

Auch für die Demokratie war es eine ungute Entwicklung; schließlich dienen die Presse / die Medien – in ihrer Freiheit und Funktion gleich durch mehrere Artikel des Grundgesetzes geschützt – als „Vierte Gewalt“, welche den Mächtigen in Wirtschaft und Politik kritisch auf die Finger schauen soll.

Zur Lösung der angedeuteten Probleme wurden ab Anfang der 1970er Jahre zwischen Tante Emma und die Pressehäuser Grossisten als Logistiker geschaltet, entsprechend privilegiert (Gebietsschutz) und bestens entlohnt – nicht zuletzt dafür, dass sie im Sinne der Meinungsvielfalt Otto Normalverbraucher Blättchen für jedes noch so spezielle Interesse lieferten.

Zudem im wachsenden Umfang auch dafür, dass sie dem Tantchen und Büdchen weitere Produkte heranschafften: „Wenn ihr ohnehin jeden Tag die Zeitungen liefert, könnt Ihr mir dann nicht auch noch Schreibwaren und Süßigkeiten mitbringen?“

Eines Tages stieß der besagte Manager, den ich als sehr sympathischen, agilen und großzügigen Macher kennenlernte, bei der morgendlichen Lektüre auf einen Artikel, dessen Inhalt ihm nicht mehr aus dem Kopf ging:

Auf der Suche nach dem Ursprung von allem – nach Erklärungen, wie der Big Bang einst ablief, welche Teilchen sich dabei wann und wie bildeten, aus denen später das Universum, das Sonnensystem, die Erde und das Leben auf unserem blauen Planeten hervorgingen – hatte das CERN „die Europäische Organisation für Kernforschung“, in der Nähe von Genf einen gigantischen kreisförmigen Teilchenbeschleuniger gebaut.

Bitte fragen Sie mich jetzt nicht, wie so ein Teilchen-Dingsbumms genau funktioniert.

Soweit ich es verstanden habe, werden in einem Teilbeschleuniger winzige Atombestandteile wie Elektronen auf annähernd Lichtgeschwindigkeit – nun ja – beschleunigt, die dann auf andere Atombestandteile treffen. Dabei kommt´s zu einem Riesen-Wumms, bei dem es die Teilchen in noch winzigere zerlegt – in „Quarks & Co.“ wie eine Wissenschaftssendung heißt.

Einer der Beschleuniger – der „Large Hadron Collider LHC“ – war mit einem Umfang von 26 659 Metern so riesig, dass er sich sowohl auf das Staatsgebiet der Schweiz als auch auf jenes Frankreichs erstreckte.

Der Informationsaustausch gestaltete sich entsprechend schwierig, zumal die Eidgenossen und die Gallier unterschiedliche Kommunikations- und Netzwerktechniken einsetzten.

Am CERN arbeitete Ende der 1980er Jahre ein junger britischer Informatiker und Physiker namens Timothy John Berners-Lee.

Um die am CERN vorherrschende Verwirrung babylonischen Ausmaßes zu beenden, schlug Berners-Lee eine übergreifende Lösung zur besseren Information und Kommunikation vor, die auf dem Prinzip des Hypertexts basiert.

Mittels Hyperlinks konnte man* von einem elektronisch generierten Text aus, der sich auf dem einen Computer befand – verbunden durch ein Datennetz –  zum Link bzw. Text auf einem ganz anderen Rechner „springen“.

Der Text musste nicht mehr ausgedruckt, um physisch – etwa als Brief per Post – transportiert werden, sondern war via (Telefon-) Leitung quasi in Echtzeit verfügbar.

Um solche Verbindungen unabhängig davon zu machen, mit welchem Betriebssystem resp. mit welcher Hard- bzw. Software gerade jemand arbeitete, kreierte Berners-Lee Anfang der 1990er Jahre die plattform-übergreifende „Sprache des Internets“: HTML.

Eigentlich ist HTML nichts anderes als ein Bausatz bzw. Satzbau aus Wortkürzeln: etwa „p“ für einen Text-Absatz (englisch: „paragraph“) oder „b“ (englisch: „bold“) für eine „fett“ hervorgehobene Textdarstellung.

Diese Kürzel werden in eckige Klammern gesetzt (beispielsweise < p >  oder < b > ), um festzulegen, wie und wo die einzelnen Elemente – etwa Überschriften, Bilder, Tabellen Hyperlink-Verbindungen – eines elektronisch erzeugten (Hyper-)Textes dargestellt werden sollen.

Dazu wurden die HTML-Tags von Berners-Lee so allgemeingültig konzipiert, dass sie plattformübergreifend von den unterschiedlichsten Rechnern und Programmen umgesetzt werden können.

Dieses Prinzip gilt auch für das ebenfalls von dem Briten entwickelte „Übertragungsprotokoll“ HTTP, das laut Wikipedia hauptsächlich dazu eingesetzt wird, um Webseiten (Hypertext-Dokumente) … in einen Webbrowser (etwa Safari“ „Chrome“, „Firefox“, E.W,) zu laden“ und darzustellen.

Damit der Webbrowser weiß, wo im Netzwerk – also auf welchem Server / Rechner – sich ein bestimmtes Hypertext-Dokument befindet, erfand Berners-Lee mit dem URL (Uniform Resource Locator) eine Art unverwechselbarer Hausnummer für jede Website im Cyberspace.

Weil Berners-Lee ein Genie war, programmierte er („Alles muss man selber machen!“) gleich auch noch den ersten Webbrowser, der all die vorab genannten Prinzipien anwandte:

Der Name dieses Browsers: World Wide Web.

Doch zurück zum anfangs erwähnten Grosso-Manager.

Er, der täglich und LKW-weise den Transport Dutzender Tonnen bedruckten Papiers in den Großraum München und Oberbayern organisierte, der daran verzweifelte, wenn seine Laster im Stau standen oder mit einem technischen Defekt am Straßenrand liegen blieben, der wusste, wie Wind und Wetter, Schnee und Eis das Geschäft erschwerten…

… er war fasziniert von der in den Neunzigern ziemlich utopisch klingenden Idee, in Zukunft irgendwann einmal Medien und ihre Inhalte via World Wide Web im Datenstrom, der kein Gewicht und keinen Stau kennt, direkt und in „Real Time“ an die Leser und Rezipienten liefern zu können…

Also beauftragte er 1995 die Werbeagentur, bei der ich damals konzipierte und textete, ein Konzept und eine Kampagne für das „Internet für alle!“ zu entwickeln.

Zu jener Zeit hatten die allerwenigsten Haushalte einen Computer zu Hause, Handys gab es nur zum Telefonieren und…

wobei?!

… mit dem SIEMENS (Ja, genau! Die Firma war mal innovativ!) S3 kam in diesem Jahr das erste Mobiltelefon auf den Markt, mit dem man Kurznachrichten (SMS) senden und empfangen konnte.

Und einen Internetanschluss?!

Über den verfügten anno dunnemals allenfalls Universitäten bzw. Firmen und Einrichtungen, die zum „Militärisch-Industriellen Komplex“ gehörten.

Entsprechend öde waren die meisten Inhalte des Internets.

Der verfügbare Content bestand überwiegend aus unformatierten Texten, einfachen Diagrammen oder allergröbsten Pixelbildern.

Komplexeren „stuff“ vermochten die 56K-Modems (mit einer maximalen Geschwind-, pardon: Langsamkeit von theoretisch 56 kilobits pro Sekunde) ja gar nicht aus dem analogen, ollen Kupferkabelnetz des damaligen Staatsmonopolisten „Deutsche Bundespost“ zu saugen.

An Multimedia war bei solchen Modems nicht zu denken: man* konnte damit entweder telefonieren oder im Internet stöbern. Beides gleichzeitig: unmöglich.

Dennoch interessierte das wörldweidweb immer mehr Leute.

So stieß die Marketing-Kampagne, die maßgeblich meine Wenigkeit für das neue Geschäftsfeld des Grossisten entwickelte (zum einen, weil mich das Thema faszinierte, zum anderen, weil mein „Creative Director“ tierisch faul und einer der ideenlosesten Typen war, die ich je in der Werbebranche kennenlernte), bei den herkömmlichen Medien auf ein großes Echo.

Die Süddeutsche, die FAZ, die Wirtschaftswoche, der Bayerische Rundfunk nahmen die von mir vorab formulierten Pressemitteilungen ebenso wohlwollend auf, wie sie diese inhaltlich 1:1 übernahmen.

Kein Wunder, dass am Tag der Eröffnung die Massen den (eher funktional-konventionellen) Gebäude-Trakt auf dem Betriebsgelände stürmten, den der Grossist als „Multimedia-Kaufhaus der Zukunft“ ausgab und entsprechend mit futuristisch anmutenden Cosplay-Doubles aus Star Wars, Enterprise & Co. bevölkerte.

Im Nachhinein läßt sich die Begeisterung nicht mehr nachvollziehen. Auch nicht, warum die Leute ewig anstanden, um gegen Kohle – auf einer Cash-Card, also einem Zahlungsmittel, das 1995 noch avantgardistisch anmutete – wenige Minuten lang an einem mausgrau öden Büro-Computer „sörfen“ zu können.

Viel zu kurz, um jene schlüpfrige Überraschung des seinerzeitigen Tennis-Idols und Werbeträgers Boris Becker teilen zu können: „Ich bin ja schon drin!“

Nein, nicht in „Babs“, sondern im internet!

Das Statement von „Bobele“ für einen Werbespot von AOL / American Online (kennt heut fast keine/r mehr) ging ja noch weiter mit: „Das ist ja einfach!“


Dachte ich kurze Zeit später auch, als ich mich Ende 1995 zum ersten Mal bei T-Online anmelden wollte, um mir einen privaten Internetanschluss zuzulegen.

T-Online, das war der – im wahrsten Sinne des Wortes „graue“ – Fernmelde-Zweig der vormals Deutschen Bundespost.

Die staatseigene Post („hoch auf dem gelben Wagen“) witterte Mitte der 1990er ebenso wie andere, teilweise branchenfremde Unternehmen – namentlich die VIAG (kennt heut fast keine/r mehr) oder Mannesmann (kennt heut fast keine/r mehr) – dass das Internet für den Endverbraucher the „Next Big Thing“ darstellte, um mit den Worten des späteren „iGod“ Steve Jobs zu sprechen.

Vermutlich war ich zu blöd..,

oder die Staatsbeamten der „heißen Linie“ von T-online geistig längst im Ruhestand…

… jedenfalls dauerte es bei mir anno 1995 einen ganzen grauen Novembertag lang, bis ich „drin“ war.

Und seither war ich nicht mehr offline.

Zum Schluss dieses Postings möchte ich noch einmal auf den Grossisten-Manager zu sprechen kommen.

Die Idee vom „Internet für alle“, die sein Medienhaus aufsuchten, um gegen Cash zu surfen, währte nur kurz.

Nicht nur ich legte mir bald einen privaten Internetanschluss zu.

Ab Mitte der 90er dauerte es nur wenige Jahre, bis eine solche Verbindung ebenso selbstverständlich zum Durchschnittshaushalt gehörte wie einstmals der Volksempfänger oder die Glotze.

Gleichzeitig mit dem Siegeszug des Webs endete ab Mitte der 1990er die Blütezeit der Printmedien.

DER SPIEGEL verkaufte ehedem jede Woche easy über eine Million Hefte (2020 dagegen nur noch etwa 600.000 Exemplare).

Die BILD brachte in jenen Tagen ca. 4,5 Millionen Käs’-Blätter unter das gemeine Volk (2020 dagegen nur noch schlappe 1,2 Mio.)

Und selbst Wichs-Vorlagen wie „Praline“, “Playboy“ oder „Penthouse“ kaufte man (besser: mann) – „natürlich nur der redaktionellen Beiträge wegen“ – oft und gern.

In jener Aera gab es mehrere tausend Special-Interest-Zeitschriften – oft auf Hochglanz-Papier gedruckt und jeweils in erstaunlich hohen Auflagen.

Auch gehörte es noch zu den gutbürgerlichen Gepflogenheiten, sich morgens am Frühstückstisch hinter der (gedruckten) Tageszeitung zu verschanzen, um ja keine angestrengte Konversation mit dem Rest der nervigen Sippe betreiben zu müssen.

Ob regionale Heimatzeitung oder überregionales Intelligenz-Blatt, auch Zeitungen erreichten in den 90ern Rekordauflagen.

So innovativ die Idee des Grosso-Managers auch war, letzlich sägte er damit (vermutlich ohne es zu ahnen) am Ast, auf dem er saß.

Bald schon wechselten die Werbegelder in großem Umfang von den gedruckten Medien zu digitalen Plattformen.

Quasi aus dem Nichts tauchten globale Player auf, die selbst keine Inhalte er- und bereitstellten, aber davon profitierten, dass die User die klassischen Medien zitierten und verlinkten (und sei es bloß, um diese als „Lügenpresse“ zu diffamieren).

Globale Player, die im Gegensatz zu den klassischen Medienhäusern zumeist keine Familienunternehmen waren und hierzulande oft keinen Pfennig / Cent Steuern zahl(t)en.

Auch an dieser Tatsache kann der* geneigte Leser* erkennen, dass mit dem bzw. durch das Internet im letzten Vierteljahrhundert so einiges schief gelaufen ist.

Genau davon kann ich ein Lied singen!

Mehr dazu im 3. und letzten Kapitel dieser Artikel-Serie, mit der ich mich endgültig aus dem „Cyberspace“ (noch so ein Schlagwort aus Mitte der Neun’zger“) verabschieden werde.

Davor soll im im 2. Kapitel der Versuch unternommen werden, wenigstens ansatzweise die wesentlichen positiven Aspekte und Entwicklungen aufzuzeigen, die durch das Worldwide Web überhaupt erst möglich waren.

*** Bis auf vorab von den Verlagen festgelegte Kontingente. welche die Grossisten wieder zurück an die Presshäuser lieferten – etwa damit Kunden bestimmte Ausgaben nachbestellen konnten –wurde das meiste unverkaufte Zeugs von den Grossisten in die Altpapier-Presse gegeben, um recycelt zu werden (damit Sie eine Idee von den Mengen bekommen: täglich verließen zu diesem Zweck mehrere riesige LKWs samt Anhänger das Gelände des Grossisten).

 

Im zweiten Teil dieses Beitrags soll es hauptsächlich um die positiven Aspekte des World Wide Web (bewußt so geschrieben) gehen.

Der Fokus liegt dabei auf persönlichen Erfahrungen, die ich als relativ früher Benutzer des Web in gut einem Vierteljahrhundert gemacht und gesammelt habe.

Ausgehend von dieser eher subjektiven Perspektive werde ich immer wieder auch auf die generellen Stärken und Entwicklungen des Netz’ zu sprechen kommen und wichtige historische Ereignisse, die es betreffen, erwähnen.

Hört sich im Augenblick vielleicht etwas „trocken“ an, aber Sie werden sehen, dem ist nicht so!“

Also fangen wir an! Mit der Lektüre.

Viel Lesevergnügen wünscht weiterhin …

Ihr

Ewald Wildtraut

Im August 1989 machte ich einen Ferienjob in einem Münchner Paket-Postzentrum.

Eine harte Arbeit, denn zusammen mit ein bis zwei Kollegen blieben – soweit meine Erinnerung mich nicht täuscht – nur je fünfundzwanzig Minuten Zeit, um einen bis unter die Decke des Frachtraums mit Päckchen und Paketen beladenen 18-Tonner auszuräumen – plus zusätzlich seinen ebenso großen LKW-Anhänger.

Dann wartete längst schon der nächste Laster samt Anhang.

Seitdem weiß ich, dass es absolut nichts bringt, auf dem Paket – womöglich noch in liebevoll verzierter Handschrift – „Vorsicht, zerbrechlich!“ zu vermerken.

Abgesehen von Paketen, auf denen Labels wie „Vorsicht, lebende Tiere!“ oder die Warnzeichen für „radioaktiv“, „explosiv“, „biohazard“ oder „ätzend“ prangten, kickten wir die Pakete oft aus dem Laderaum des LKWs hinunter auf ein riesiges Fließband.

Ansonsten hätten wir es nie geschafft, die Vorgabe der „Slave Drivers“, wie die irischen Kollegen die „Sklaventreiber“ der damals noch staatseigenen Deutschen Bundespost nannten, überhaupt zu erfüllen.

Wir, das waren in der Mehrzahl Schüler oder Studenten, wobei neben einem starken Kontingent von der „grünen Insel“ ein weiteres aus Frankreich stammte.

Die Bundesrepublik unterhielt seinerzeit zumindest mit diesen beiden Ländern eine Art Austauschprogramm. In dessen Rahmen konnten Jugendliche ab 16 bzw. Studenten, von denen mindestens ein Elternteil bei der „an post“ (Éire) oder „La Post (PTT)“ (France) beschäftigt war, in den Sommerferien in deutsche Großstädte kommen, um dort zu malochen und in der Freizeit „deutsche Land“ und Leute kennenzulernen.

Neben dem Lohn für anstrengende 12-Stunden-Schichten, der dank Zulagen für Wochenend- und Nachtarbeit „ganz ordentlich“ ausfiel, gab es für die Ferienjobber als zusätzliches „Zuckerl“ die Möglichkeit, von mehreren Telefonen in der riesigen Halle aus gratis zu telefonieren.

Und zwar ins gesamte Bundesgebiet.

Eines dieser Telefone hing im Raum für die „Aufsicht“, der sich im Zentrum zwischen zwei gigantischen Förderbändern befand, die von links und rechts darauf zuliefen, um unterhalb der Empore in den weit verzweigten Katakomben des Paket-Postzentrums zu verschwinden, wo die eigentliche Sortierung und Vorbereitung zur Weiterlieferung erfolgte.

Soeben fiel das Wort „Aufsicht“.

Selten habe ich eine Berufsbezeichnung erlebt, die weniger zutraf.

Egal, ob man um fünf Uhr dreißig in der Früh oder nachmittags zur Schicht kam, immer saßen in dem von Zigarettenqualm total vernebelten Raum um einen Tisch voller, genauer: leerer Bierflaschen die Betriebsführer, die dafür umso voller waren.

Das, obwohl auf dem gesamten Gelände aus guten Gründen (überall rangierten LKW, Kleintransporter und Betriebsfahrzeuge) ein striktes Alkoholverbot herrschte.

Diese Kerle checkten nichts!

Weder, wie viele LKWs gerade, von welchen Mitarbeitern ent- beziehungsweise beladen wurden, noch dass wir Studenten uns gern einen Spass mit ihnen erlaubten.

So erfanden ein irischer Kollege und ich einmal das 3D-Tetris mit Postsendungen.

Anfangs aus eher Langeweile stapelten wir beim Befüllen eines „Brummies“ Kartons und Stückgut in den unterschiedlichsten Formaten und Formen so geschickt aufeinander, dass auf der Ladefläche so gut wie keine Lücke mehr verblieb.

Das bemerkte ein Capo, der beim Gang auf*s WC oder zu einer „Runde Ratschen“, eher zufällig bei uns vorbeikam (jedenfalls nicht, um mit anzupacken).

Staunend beobachtete er unser Tun, schüttelte die ganze Zeit vor Verblüffung mit dem Kopf und rief nachdem wir die letzte Lücke mit dem kleinsten Päckchen geschlossen hatten, die ganze Belegschaft zusammen, weil: „So wos hobt’s no neda g`sehn!“

Die Kollegen in Landshut, wohin die Fuhre – meiner Erinnerung nach – ging, bewerteten unsere Aktion naturgemäß etwas anders: durch die lückenlose Beladung des LKWs hatten wir ihnen – so erfuhren wir tags darauf vom Fahrer – das Handwerk leider ziemlich erschwert.

Unsere Chefs waren dennoch begeistert, so dass es ihnen fortan nichts mehr ausmachte, wenn wir in ihrem „Kabuff“, wo wir Ferienjobber auch unsere „Brotzeiten“ vertilgten, etwas länger als üblich gratis ins Bundesgebiet telefonierten.

Eigentlich stand rund um die Uhr immer jemand an dem Apparat.

Mit der Zeit fiel mir folgendes auf: sowohl die Iren als auch die Franzosen unterhielten sich ebenso wie die wenigen Türken, die damals als „Postler“ angestellt waren, jeweils in ihrer Landessprache.

Ein Franzose hing auffallend oft an der Quasselstrippe.

Also sagte ich ihm einmal – eher aus Verwunderung:
„Ich wüsste hierzulande einige Leute, die ich – kostet ja nichts – mal anrufen könnte. Aber Du… Du kennst anscheinend Gott und die Welt!

Augenblicklich lief sein Gesicht hochrot an.

Plötzlich herrschte für unerträglich lange Sekunden ein unangenehmes Schweigen zwischen uns.

Augenscheinlich überlegte er, wie er reagieren sollte.

Schließlich flüsterte er mir in einem Deutsch mit starkem französischen Akzent und englischen Einsprengseln – sinngemäß – etwa folgendes ins Ohr:

Er: „Verschprisch mir, nix sagen and’re Mann!

Ich (nickte): „Versprochen!

Er: „L’appareil a été manipulé!

Ich: „Dacht’ ich mir!

Er: „On peut anrüf …

Er: „… for free in …

Ich (ungeduldig und aufgeregt dazwischen): „… Europa?!

Er (gespielt wichtigtuerisch): „Non! Tout le monde…

Worldwide!

In solch einem Sprachmischmasch unterhielten wir Ferienjobber uns seinerzeit und verstanden einander trotzdem nicht nur inhaltlich prächtig, sondern auch menschlich.

Ganz anderes hingegen unsere „Jefes“: die blickten gar nichts.

Möglicherweise bis heute.

Zwar waren sie manchmal genervt vom „Palaver der Froschfresser“, wie sie die Telefonate, nicht nur der Franzosen, abfällig bezeichneten; auch konnten sie es erkennbar kaum erwarten, dass die Ferien vorüber und die ganzen „Ausländer“ und „Studierten“ endlich wieder weg waren …

… doch von der Manipulation des Apparates, welche vermutlich einer der Franzosen, die größtenteils Ingenieurwissenschaften studierten, vorgenommen hatte, ahnten die Vorsteher nicht das Geringste – jedenfalls solange ich im Paket-Postzentrum arbeitete.

Auch deshalb, weil jeder Eingeweihte, der um die besondere Qualität des schlichten, grauen „Fernsprechers“ in der Ecke des Aufsichtsraumes wusste, im eigenen Interesse (sonst wäre das Telefon nie „frei“ gewesen) höchstens einen weiteren Kollegen ins Vertrauen zog.

Ich hatte lange Skrupel.

Fand es irgendwie nicht okay, dass man statt den kleinen Finger zu nehmen, gleich die ganze Hand haben wollte – und konnte.

Bald aber wollte ich in „die Staaten“ fliegen (dafür brauchte ich Geld, weswegen ich überhaupt den Ferienjob angetreten hatte) und musste mit meinen amerikanischen Freunden* vorab noch ein paar Details besprechen.

Also gab ich mir einen Ruck, wählte die „01“ und die restliche, elend lange Telefonnummer, während ich mich selbst beschwor, es nicht zu übertreiben.

Meine amerikanischen Gesprächspartner* wunderten sich merklich, wie seelenruhig ich herum laberte, offenkundig ohne auf den Gebührenanzeiger zu achten, dessen rasant ansteigender Ziffernstand mich bei früheren Telefonaten von zu Hause aus, sonst immer hörbar nervös gemacht hatte.

In Übersee anzurufen, war 1989 ein „teurer Spass“, besonders für einen armen Studenten wie mich.

Wie mir die Bücherei des „Museums für Kommunikation“ in Frankfurt / Main auf Anfrage jüngst freundlicherweise mitteilte, kostete die Gebühreneinheit damals 23 Pfennige.

Dafür konnte man ganze 4,42 Sekunden lang über den „Großen Teich“ telefonieren. Ein 1-minütiges Gespräch kostete also rund 3 Mark und 12 Pfennige, auf heutige Verhältnisse umgerechnet etwa 1,60 Euro.

Noch frustrierender als die Kosten interkontinentaler Ferngespräche war es jedoch, eine transatlantische Connection auf dem Postwege aufrecht zu erhalten.

Wahrscheinlich erinnert sich die geneigte Leserin / der geneigte Leser noch an die speziellen Kuverts

    • aus dünnem (um Gewicht zu sparen) bläulichen Papier.
    • auf die ein blaues Quadrat gedruckt war, in dem in weißer Schrift „LUFTPOST“ „PAR AVION“ „BY AIR MAIL“ stand.
    • mit der markanten Umrandung an den Außenkanten aus breiten, abwechselnd roten und blauen Schrägstrichen.

Trotz des Transports mit damals hochmodernen „Jumbo-Jets“ (Boeing 747) von „PAN AM“ oder „TWA“ (beide Airlines gibt es schon lange nicht mehr) konnte man* von Glück sagen, wenn der Brief fünf Tage später in New York von einem Boten des „United States Postal Service“ zugestellt wurde.

Retour in die „alte Welt“ dauerte es noch einmal mindestens genauso lang.

Eine sehr frustrierende Erfahrung, insbesondere wenn man sich in einer transatlantischen Beziehung befand.

Da wusste das hormonverblödete Hirn oft gar nicht mehr, auf welche (von einem selbst einige Tage zuvor verfasste) Textpassage sich die 6500 km entfernte Dame in ihrer Korrespondenz gerade bezog.

Das World Wide Web änderte alles radikal.

Elektronische Post huschte seitdem in Sekundenbruchteilen über den Atlantik. Und bald schon konnten an e-Mails digitale Bilder und Original-Dateien angehängt werden.

Für meine Tätigkeit als Marketing-Fachmann (Schwerpunkt: Kreation / Text), die ich nach dem Examen (in Kommunikationswissenschaft, Soziologie sowie Wirtschafts- und Werbepsychologie) aufnahm, war das ein Quantensprung.

Wie oft kam ich Anfang / Mitte der Nineties ins Büro, wo mich bereits mehrere Faxe mit je einem Dutzend Meter Länge – das oft schwer lesbare Thermo-Papier befand sich auf Papp-Rollen – erwarteten.

Bevor ich überhaupt mit der eigentlichen Kreation beginnen konnte, musste ich erst einmal alle Korrekturen und Anregungen des Kunden bei mir auf dem Rechner – etwa in Word oder einem DTP-Programm – auf den aktuellen Stand bringen und dabei tierisch aufpassen, dass ich in dem Papierwust bloß nichts übersah.

Erst dann erfolgte die eigentliche Arbeit, inhaltliche und visuelle Konzepte zu entwickeln oder – nach Freigabe durch den Klienten – bis zum Feinschliff auszuarbeiten.

Fast immer gab es hierbei eine eng gefasste Deadline, bis wann mein Part „allerallerspätestens“ abgeschlossen sein musste, damit meine Texte, Ideen und Entwürfe nachfolgend von Grafikern, Webdesignern, Messebauern, Druckereien, Tonstudios o.ä. weitergestaltet bzw. -verwertet werden konnten.

Also hieß es, alles auszudrucken, die Papierbögen ins „Einlesefach“ des Faxgeräts zu legen und zu…

… beten.

War die Gegenstelle, etwa bei der Werbeagentur, „besetzt“, weil das Faxgerät dort gerade selbst sendete oder ein Fax von jemand anderem empfing, ging auch bei mir nichts voran. In solch einer häufigen Situation, blieb einem selbst nicht weiteres übrig, als zu fluchen und den Feierabend – wie so oft – nach hinten zu verschieben.

Um den ganzen Fax-Wahnsinn zu umgehen, beauftragte ich in jenen fernen Tagen gern mal einen „Kurier“ auf zwei oder vier Rädern. Mit Schrecken denke ich daran zurück, wie ehedem allein für den Posten „Kurierdienste“ oft monatliche Unkosten von mehreren Hundert D-Mark anfielen. Geld, das erst einmal erwirtschaftet werden musste.

Zurück zum / zu den Faxen: selbst wenn die Übertragung eines solchen „Telefaksimile“ sofort startete – etwa weil die Agentur über ISDN verfügte (kennt heut fast niemand mehr) – kam es nicht selten zu einem „Papierstau“ oder beim Empfang war plötzlich das Papier „alle“.

Wieder musste man telefonieren, hoffen, dass nicht „besetzt“ war und man rasch jemand „an den Hörer“ bekam, „der sich damit auskennt“ (wie ein Slogan der Deutschen Post damals lautete) – etwa die „Kontakterin“, mit der man dann umständlich auseinanderklamüserte, welche Seiten des Fax’ die „Gegenstelle“ bereits erhalten respektive schon verschickt hatte.

War fax-mäßig –„endlich! – „alles durch“, ging der Wahnsinn weiter: meine Texte und Entwürfe mussten in der Agentur oder vom Graphiker* abermals erst wieder aktualisiert und integriert werden, bevor der eigentliche nächste Arbeitsschritt erfolgte.

So ging es hin und her, bis…

es dank des Internets möglich war, „Originaldateien“ (Word, Quark, JPEGs, PDFs) zu versenden, sie auf dem eigenen Rechner zu öffnen, weiter zu gestalten und in Sekundenbruchteilen ggf. wieder zurück zu mailen.

Das sparte immens viel Zeit und Nerven, weil dank e-Mails die „Besetzt“-Meldung endlich Geschichte war.

Vom Prinzip her konnte man nun auf Ausdrucke ganz verzichten, so dass seinerzeit manche Experten vom „papierlosen Büro“ schwadronierten, dem die Zukunft gehören würde.

Ein weiterer positiver Effekt des Netz bestand darin, dass es im Grunde belanglos wurde, wo – in welcher Stadt oder welchem Land – jemand arbeitete. So konnte der Graphiker*, Messebauer* oder Webdesigner*, der* mit mir an einem Projekt werkelte, ebenso gut im Bürozimmer nebenan wie in Seattle sitzen.

Nationale Grenz(kontroll)en spielten im „work flow“ nicht länger eine Rolle.

Die (Arbeits-)Welt war ein für alle Mal kleiner geworden.

Informationen wie Fachliteratur, die bis zum Online-Zeitalter vor Ort in Bibliotheken zeitaufwändig recherchiert und beschafft werden mussten, konnte nun am heimischen PC eingesehen oder zumindest vorbestellt werden.

Die Zeit war passé, als per Fernleihe angeforderte Bücher und Artikel erst Wochen nach dem Abgabetermin der Seminararbeit, für die man die Texte eigentlich gebraucht hätte, eintrafen.

Wissen war plötzlich nur einen Mausklick weit entfernt.

Statt einen Blick in den – bei seinem Erscheinen längst veralteten – „Brockhaus“ zu werfen, fand man auf „Wikipedia“ von Experten verfasste, laufend aktualisierte Beiträge.

Neu an dieser Enzyklopädie war, dass im Sinne einer „Community“ – auch so ein neuartiges Phänomen des Netz* – bei der Erstellung und Ausarbeitung von Schlagworten grundsätzlich jedermann* mitwirken konnte und nicht nur Spezialisten oder Akademiker, die sich von Berufs wegen mit bestimmten Inhalten auskannten.

Die Nutzer sowie andere Autoren von Wikipedia dienten als Korrektiv, so dass im Sinne einer Schwarm-Intelligenz letztlich mehr Themen – permanent verifiziert von Sachkundigen in den jeweiligen Fachgebieten –  er- und bearbeitet werden konnten als von der Redaktion des „Brockhaus“ oder der „Encyclopedia Britannica“.

Für die User gab es dieses geballte Wissen „für lau“ und ganz ohne nervige Werbung.

Um wirtschaftlich und redaktionell unabhängig agieren zu können, finanziert sich die 2001 gegründete Non-Profit-Organisation „Wikipedia“ als gemeinnützige Stiftung fast ausschließlich über Spenden.

So gehört Wikipedia zu den wenigen Internet-Pionieren, deren Dienstleistung nicht an der maximalen Profitausbeute ausgerichtet ist.

Dennoch machte es mich traurig, mitzubekommen, wie die in teures Schweinsleder eingebunden Brockhaus-Folianten mit dem edlen „Goldschnitt“ alsbald aus den Regalen der Buchhandlungen verschwanden.

Immerhin gab es die Lexika-Reihe seit 1808. Sie war ein „Kind“ der Aufklärung. Jener Epoche, die ein möglichst umfassendes Allgemeinwissen breiter Bevölkerungsschichten über historische, technisch-zivilisatorische sowie kulturelle Themen, anstrebte.

Gerade zu Zeiten, in denen nicht nur das vermaledeite Virus überall herum fleucht, sondern auch die wildesten und niederträchtigsten Verschwörungstheorien kursieren, wünscht man sich mehr denn je den Geist der Rationalität zurück, mit welchem die Enzyklopädisten der Aufklärung versuchten, die Dummheit und Ignoranz der Menschen ein für alle mal auszurotten.

Zurück zum Internet-Zeitalter: auch hier gilt neben dem Prinzip des „Gewusst wie“ – mehr denn je – das des „Gewusst wo“.

Schon bei der Entwicklung des Marketing- und Werbekonzeptes für den Grossisten stellte ich dem Klienten und meinen Kollegen einmal eine Frage, auf die sie selbst komischerweise noch gar nicht gekommen waren, die sie umgekehrt aber – zu meinem Erstaunen –als irgendwie komisch empfanden:
„Wie und wo finde ich in dem chaotisch vor sich hin wuchernden World Wide Web eigentlich gezielt bestimmte Inhalte und Seiten?

Die in den Folgejahren sehr populären Suchmaschinen Yahoo und Altavista befanden sich 1995 noch in der Beta-Phase, ohne vorerst großen Anklang zu finden.

Google kam erst zwei Jahre später heraus und die erste seit 1990 existierende „Search Engine“ namens „Archie“ kannte keiner, weil es ja noch keinen etablierten, nutzerfreundlichen Online-Suchdienst gab.

Ach, hätte ich seinerzeit nur eine technische Lösung für eine solche Suchmaschine anbieten können, ich wär heute vielleicht noch reicher als die die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page.

Stattdessen befand sich u.a. in der (gedruckten) „Süddeutschen“ lange eine spezielle Rubrik, wo Firmen mit (nicht gerade preisgünstigen) Anzeigen versuchten, ihre Web-Adresse und -services der Öffentlichkeit und Geschäftswelt bekannt zu machen.

So ermöglichte paradoxerweise ein „altes“ Medium erst den Durchbruch eines neuen.

Das Wort „Community“ fiel bereits. Neu daran war, dass man sich nicht mehr leibhaftig, von Angesicht von Angesicht traf.

Mit dem World Wide Web etablierten sich plötzlich virtuelle Chat-Rooms und Interessengruppen fanden über nationale Grenzen hinweg zusammen.

Als nach der Jahrtausendwende dank DSL von Internet-Browsern auch Bilder und Filme – ohne lange Ladezeiten – dargestellt werden konnten, veränderte sich der Charakter des Internets – weg von einem vorwiegend textbasierten Medium hin zu einem visuell-optischen .

Spätestens 2005 war dank Youtube auch das Internet zum „Glotzophon“ geworden.

Was wiederum das klassische Fernsehen und die bis dahin üblichen Sehgewohnheiten revolutionierte.

Statt die Mattscheibe und den richtigen TV-Kanal um eine fixe Zeit einschalten zu müssen, damit man einen bestimmte Sendung ja nicht verpasste, konnte man dank neuartiger Online-Mediatheken den Beitrag jederzeit anschauen – also entweder vor oder nach dem eigentlichen Ausstrahlungstermin im „linearen“ Programm.

Wobei die Jungen als Trendsetter die Inhalte der klassischen Fernseh-Anstalten (sic!) dennoch häufig als “altbacken” bewerteten.

Sie bevorzugten stattdessen von ihresgleichen gefilmte und inszenierte kurze Videos im Internet wie etwa “Let`s Plays” (dabei schaut man Computerspielern online quasi über die Schultern), “Memes” (lustige Photos und Kurzfilme) oder “Pranks (Streiche).

Klar, von diesem Do-It-Yourself-Zeugs war (und ist) vieles Mist.

Doch wurden im Geiste DIYs dabei neue Darstellungsformen für das Internet spielerisch entwickelt, etwa mit Handys oder handlichen Digitalkameras aufgenommene Dokus.

Jedermann-Reporter hebelten damit die Zensur aus, deckten Missstände auf und trugen so – etwa im „arabischen Frühling“ – zum Sturz langjähriger Diktatoren bei.

Charlie Murks hätte seine Freude daran gehabt, wie sich durch Miniaturisierung, Digitalisierung, Standardisierung (z.B. USB-Anschlüsse, mp3 oder MPEG) die „Produktionsmittel“ medialer Inhalte nicht länger ausschließlich in den Händen von großen Medien-Konzernen konzentrierten, sondern auch für Leute mit kleinerem Geldbeutel erschwinglich wurden.

Als wichtige Voraussetzung für die Marktdurchdringung mit derartigen Technologien gilt die relativ einfache Handhabung (Usability) – etwa von etwa Videoschnitt-Programmen, digitalen Sequenzern / Synthesizern, Bildbearbeitungs- und Animations-Software.

Natürlich trifft dies auch auf web-basierte Technologien zu, die das Self-Publishing ermöglichten.

Literaten, Journalisten und sonstige Vielschreiber waren bei der Verbreitung ihrer Texte und Inhalte nicht länger auf die teuren Dienstleistungen von Verlagshäusern und Druckereien angewiesen; ebensowenig auf den materiellen Informationsträger Papier oder eine Logistik, welche die in Eigenarbeit erstellten Blättchen an die Verkaufsstellen auslieferte.

Ein ästhetisch aufgemachter Web-Blog oder eine “Homepage” mit packenden Stories genügte, um viel genauer als die klassischen Hochglanz-Magazine es je vermocht hatten – exakt den Bedürfnissen spezieller Zielgruppen zu entsprechen.

Statt in sündhaft teuren Tonstudios, produzierten Musiker von Stund’ an Hits im heimischen Wohnzimmer – mittels Laptop, USB-Mikrofon und digitalem Misch- oder DJ-Pult.

Plattenfirmen hatten vom Prinzip her ausgedient.

Das digitale mp3-Format ermöglichte Streamings und schnelle Downloads, um „Mucke“ auf den zunehmend verbreiteten Smartphones anzuhören. Wer brauchte noch einen eigenen Player und völlig überteuerte Kauf-CDs, wenn er tausende Tracks auf dem Handy speichern und überall hin mitnehmen konnte?

So manchem DIY-Musikant gelang der erste Hit, weil er – multimedial  und in Eigenregie – für seine Songs auch noch die Videos selbst drehte und diese „Streifen“ selbständig auf Video-Plattformen und bei Streaming-Diensten veröffentlichte.

Durch web-basierte Technologien und Plattformen konnten Bands und Einzelinterpreten  die ganze Klaviatur von Promo- und Vertriebsprozeduren selbst bespielen, die bis dahin Sache der Plattenfirmen / Labels war, weswegen sie auch den Löwenanteil  am Profit einstrichen.

Ähnlich wie in der Musik verlief die Entwicklung bei Youtube & Co.

Anfangs war das Gros des “Content” nur belangloses Zeugs oder „alter Wein in neuen Schläuchen“. Sprich: die Ästhetik, Dramaturgie und Inhalte der bewegten Bildchen lehnte sich an etablierte Kino- und Fernsehgenres an.

Mit der rasch wachsenden Popularität der digitalen Flimmerkiste tauchten aber bald schon bis dahin unbekannte Akteure wie die „Youtuber“* auf, die in ihren Peer Groups oft beträchtlichen Einfluss besaßen, nicht nur was Kaufentscheidungen anbelangte, sondern bei auch Weltanschauungen und Lebensstilen.

Neben diesen häufig eher semi-professionell tätigen Typen, entwickelten sich während des Siegeszug des Internets tatsächlich neue Berufsbilder wie beispielsweise der Webdesigner*, „Online-Redakteur“*, „Social Media Manager“, „SEA Optimizer“* bzw. „SEO Optimizer“*. Letztere sorgen dafür, dass bezahlte Werbung beziehungsweise Inhalte von Suchmaschinen überhaupt gefunden werden bzw. in der Trefferlisten von Google, Bing oder Ecosia möglichst weit oben rangieren.

Die zunehmende Kommerzialisierung und Monetarisierung des Netzes, die mit der angesprochenen Professionalisierung einherging, wird mitunter kritisch bewertet.

Erstaunlich oft jedoch gaben (und geben) Experten in online- oder Videotutorials immer noch fundiertes Wissen völlig umsonst preis, so dass man im Web heutzutage beinahe für jedes Problemchen und jeden Bedarf eine Lösung findet.

Ebenfalls quasi-demokratisch war das Domain-Prinzip des Internets. Egal, ob Hobby-Imker oder internationaler Konzern, im World Wide Web sind durch das von Tim Berner-Lee konzipierte Webprotokoll nach dem “http://” prinzipiell alle gleichgestellt – zum Beispiel die Homepages honig-biene.de und daimler.de .

In diesem Zusammenhang fiel jedoch bereits ein erster Schatten auf das Internet.

Während in den frühen 1990ern manche Konzerne lange Zeit nicht daran glaubten, dass das Internet für Ihr Geschäft irgendwie und irgendwann einmal von Belang sein könnte, sicherten sich Privatleute die Domains bekannter Firmen.

Hatten sie Glück, bekamen sie dafür von Konzernen wie SHELL ein lukratives Angebot.

Mir ist bewußt, dass ich sicherlich weitere wichtige Aspekte zur Frühzeit und Entwicklung des Internets übersehen habe.

Ich hoffe aber, es ist klar geworden, dass mit dem World Wide Web

    • ursprünglich optimistische Erwartungen verbunden waren, die zu guten Teilen auch realisiert werden konnten.
    • die Kommunikation tatsächlich grenzenlos wurde und dadurch die Menschen einander – prinzipiell – näher kommen konnten.
    • die Entwicklung faszinierender Technologien verbunden war und ist, die sich durch einen hohen Grad an Nutzerfreundlichkeit auszeichnen.
    • Wissen, Know-how und Unterhaltung für breite Bevölkerungsschichten so leicht verfügbar wurde wie nie zuvor in der Geschichte.
    • bereits morgen schon das „nächste Große Ding“ verbunden sein könnte.

Kurz:

Das Internet war etwas Gutes für die Menschheit – und ist es überwiegend immer noch.

Bis auf…

Fortsetzung folgt.